20-09-27-Thomas, der Prediger und zurück im Wintersitz?

Mit Einbruch der Kälte gebe ich meine Sommerdependance schlagartig auf, will nicht mehr ständig Station machen. Daher war Michael heute abends bei mir; so sauber habe er meine Wohnung noch nie gesehen. Morgens hat er mich abgeholt, weil Thomas mir geschrieben hatte, dass er predigt (zu Matthäus 21, 28-32, Gleichnis von den beiden Söhnen). Diesmal konnte ich Michael gewinnen mitzugehen. Sein Befremden gegenüber dem, was sich ihm in der Kirche bietet, verfestigt sich weiter. Ich habe dafür Verständnis. Er fragt sich oder mich, welche Hoffnung Menschen dazu bewegt, dorthin zu gehen, was sie dort zu hören, zu sehen, zu erleben, zu erfahren hoffen…ich halte diese Frage für relevant. Auch ich hoffe auf irgendetwas, was sich selten erfüllt. Schon als Kind wollte ich etwas glauben und erleben, von etwas durchdrungen werden, was kaum je geschah. Ich wollte berührt werden, aber es war langweilig und weltfremd. Die Realität prallte gegen ein Ideal an. Aus meiner Sicht ist es der Versuch dennoch wert, denn ohne Hoffnung und Form, ohne Suche können wir auch nicht leben. Ob diese Institution mit ihren perversen Strukturen die richtige dazu ist? Ganz außerhalb ihrer, außerhalb jeglicher Gemeinschaft ist man sich selbst überlassen. Thomas denkt, während er spricht, er hält sich an nichts Vorgefertigtes – sehr intellektuell, obwohl er sich bemüht, sich verständlich auszudrücken. Ich habe mich gefragt, wieviele ihm wohl folgen können. Solange er da steht bin ich allein dadurch tiefstens angerührt. Gibt er mir doch sogar Anteil daran, dass er diesen Weg geht. – Den Resttag vertrödelt, geschlummert, gegessen, Zeitung  gelesen und später – vor dem Tatort – gemeinsam „Bartleby“ von Melville gelesen, was die jungen Gäste von neulich als Resonanz auf ihr Gespräch mit Michael geschickt haben.

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3 Kommentare

  1. Beate sagt:

    …mir fällt da der Pfarrer aus „Gesang der Fledermäuse“ ein, der das Gegenteil verkörpert Sozialdisziplinierung statt Nächstenliebe, Platte Floskeln statt intellektuelle Auseinandersetzung, salbungsvolle Plattitüden statt spirituellem Zugang….Beides und alles mögliche dazwischen können wir beim Besuch der Gotteshäuser finden.

  2. Ines sagt:

    Ich glaube, der Mensch ist neben seinem körperlichen und seelischen Wesen auch ein geistiges Wesen. Da dieser Geist im Sinne von Spiritualität im Alltag der Menschen nicht angesprochen wird, suchen es viele in der Kirche. Leider oft vergeblich. Ich habe oft einen Hunger danach, auf dieser geistigen Ebene Anregungen zu bekommen.

  3. Renate sagt:

    Manche Menschen finden doch Antworten in der Kirche. Ich kann mir Thomas gut vorstellen, wie er sich bemüht, dass die Gemeinde ihn versteht.

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