Zwischenzeiten
ich lebe zwischen zwei Zeiten. Die neue Zeit ist eben noch nicht angebrochen. Die alte Zeit ist noch nicht Vergangenheit. In der alten Zeit habe ich mich als Historikerin ausleben können. All die Exkursionen, die Symposien, die Veranstaltungen, Zeitzeugengespräche, Seminare sind Vergangenheit. Ich bin im Referat gelandet, wo es um Politik geht. In der neuen Zeit wird es um neue Formate gehen, um Webtalks, Potcasts. Dem muss ich mich annähern, muss lernen, und das auf meine alten Tage. Macht das Sinn?
zwischen den Zeiten sitzen, schweben, heißt aber auch: mein Zuhause ist im Umbruch. Gestern noch Zusammenleben mit Alina, morgen habe ich mein Reich für mich. Dazwischen stehen Berge von Umzugskartons, Koffer, die meine Wohnung unwirtlich machen. Ganz zu schweigen von der Aufbruchsstimmung von Alina, die mental schon in Frankfurt lebt. Da lobe ich mir mein derzeitiges Asyl bei Barbara. Das schöne Zimmer im zweiten Stock mit den schrägen Wänden und den vielen Büchern. Ich habe meinen Koffer am Fußende und meinen Laptop für die Arbeit an dem kleinen Schreibtisch im Zimmer. Ich vermisse grad nichts von dem, was zuhause rumliegt. Über den Oleander, den ich mit nach Hause nehmen werde, freue ich mich sehr.
Beruflich hast du dich in den neuen Zeiten doch schon gut eingelebt, finde ich. Wird Alina alles mitnehmen oder behält sie ein Zimmer bei dir? Klingt jedenfalls nach einer großen Sache. Meine Kinder sind nur mit einer PKW Ladung ausgezogen und haben das meiste da gelassen.
Das ist das Verrückte: man geht ein paar Tage woansders hin und stellt fest, dass man den ganzen Krempel, der einen sonst umgibt, nicht braucht. – Zur beruflichen Situation: die Konflikte mit den Kindern verhelfen ja normalerweise dazu, dass man sie irgendwann rauschmeißt. Im ungünstigen Fall mangelt es an Konflikten und die Ablösung bleibt aus. Ebenso werfen einen doch die neuen Verhältnisse irgendwann aus den „Ämtern“, in denen wir es uns bequem gemacht haben, uns wichtig und gebraucht fühlen. Ohne die Erkenntnis, aus der Zeit zu fallen, könnten wir ewig weitermachen.