20-09-28-CoTaBu-„Normaler“ Montagswahnsinn und 30 Jahre

An Tagen wie diesen habe ich nichts, es sei denn, ich würde einzelne Szenen aus dem Hospiztag  herauspicken; würde von Testverzögerungen berichten oder davon, dass Tests von Fachpersonal durchgeführt werden sollten, ich aber schon zum zweitenmal von einer Hausarztpraxis und dem zugehörigen Labor höre, dass Angehörige selber damit losgeschickt wurden (siehe Blog vom 23.9. „Abstriche selfmade“, auf den ein Aufschrei eurerseits überraschend ausblieb). Telefoniert, bis mir das Ohr abfiel; wollte morgens radeln, bin im Eisregen gelandet; abends auf 3-SAT „wir Ostdeutschen“ gesehen. Dreißig Jahre scheinen das Zeitmaß, das Minimum zu sein, bis die breite Gesellschaft langsam soweit ist – sich mit Ost-West zu beschäftigen. Offenbar braucht der Mensch viel Zeit, um auf Geschichte blicken zu können. Meines Wissens waren viele deiner, Beates, Zeitzeugengespräche auch vorwiegend noch auf Drittes Reich bezogen. Es ist furchtbar. Fehler/Verbrechen geschehen, werde lange übersehen, geleugnet, umgedeutet, bis eine Sicht darauf möglich wird. Da waren die 68-er ja richtig früh dran, „nur“ 23 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges auf Aufarbeitung zu pochen. Mit „Holocaust“ 1978, wiederum 10 Jahre später, kam unsere Geschichte in die deutschen Wohnzimmer. Wie sollten uns auch die „Täter“ und Mitläufer ihre eigene Schandgeschichte gelehrt haben? Unsere Lehrer, Eltern, alle miteinander haben nichts gewusst, nichts gesehen, waren nicht dabei oder wollten die Guten gewesen sein. Ich will nicht unmittelbar vergleichen – Gott bewahre – aber mit der Wiedervereinigung ist auch sehr viel Unrecht geschehen. Ich fühle mich zunehmend beschämt als Teil westdeutscher Überheblichkeit und Ignoranz.

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4 Antworten

  1. Ines sagt:

    Ja, die Beschämung gegenüber den ehemaligen DDR Bürgern habe ich auch empfunden. Ich habe eine Doku im ARD angeschaut, wo ca 7 Menschen interviewt wurden. Hut ab vor dem, was sie geleitet haben. Meist sehr kluge und differenzierte Menschen, die da auf die deutsche und ihre eigene Geschichte zurück blicken.

  2. Beate sagt:

    NS – Zeit habe ich vor langer Zeit betreut. In den letzten sieben Jahren war ich mit der DDR beschäftigt: Seminare in Mödlareuth:“Mauer, Zaun und Stacheldraht“, 5mal im Jahr, 3 Tage lang, Berlin: Stasimuseum und Hohenschonhausen, und die vielen Planspiele in Bayern. Uwe und Birgit haben auch mal bei Michael gewohnt. Usw…jetzt wird in Mödlareuth das Museum neu gebaut, die Seminare können nicht mehr stattfinden usw….

    • Heike sagt:

      Du hast mich ja vorgewarnt, jetzt ist es gar nicht so schlimm. Entschuldige, wenn ich das, was du tust, vom Erzählen nicht entsprechend aufnehme und also auch nicht gebührend würdige. Ich habe eben – anders als du in deiner beruflichen Gemeinschaft – 30 Jahre gebraucht, so wie das Gros unserer Gesellschaft. Übrigens habe ich deshalb auch erst jetzt „gelernt“, dass der Film „Tannbach“, über den ich Freitag für Freitag schreibe, der fiktive Ort ist, dem in Wirklichkeit Mödlareuth Modell stand.

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