Lebenslinien

Anlässlich des heutigen Feiertages will ich über Erinnerungen schreiben. Über meine frühen Eindrücke in der DDR. Die Familie meines Vaters lebte dort, Ines mit ihrem Mann noch immer. Ines ist so alt wie ich und die Tochter meines Cousins Hans , der mittlerweile über 80 Jahre alt ist. Ines hat drei Schwestern und zwei Kinder, die ich über die Jahre immer wieder sehe. Zu den  Familienfeiern kommen sie samt ihren Männern und Kindern. Ines war und ist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben.

Wenn wir früher, als ich ein Kind war, die Grenze im Zug passierten und mein Vater mich ans Fenster holte, um mir den Streifen des „Eisernen Vorhangs“ zu zeigen, empfand ich nicht die Beklemmung, die er damit verband, ich freute mich auf Ines. Wir waren für die zwei Wochen, in denen ich jeweils mit Vater und Mutter in Kleinromstedt weilte, wie Pech und Schwefel , spielten zusammen und strichen durch den Wald. Wir waren gleichermaßen erschrocken, als die Großmutter starb und erzählten uns, als wir Schulkinder waren, von der jeweiligen Welt, in der wir lebten. Das Dorf habe ich heute noch als einen idyllischen Ort in Erinnerung. Die Leute waren alle per „Du“ und tolerierten sich da, wo man es nicht vermuten würde. So gingen meine tiefgläubigen Tanten jeden Sonntag in die Kirche, saßen oft in Schwarz gekleidet mit Schürze auf Stühlen im Kreis und beteten den Rosenkranz, während Ines‘ Mutter als  überzeugte Kommunistin und Lehrerin ihre Kinder ganz im Sinne des Regimes erzog. (Ines durfte später zwei Jahre in Moskau studieren , was nur linientreuen Studenten gestattet war).

Der positive Eindruck des „wärmenden Landes“, wie Maxi Wander es in ihrem Buch „Leben wär eine prima Alternative“ nannte, führte bei mir dazu, dass ich mich stark an sozialistischen Ideen orientierte. Als Studentin in der Münchener Zeit war ich im „Sozialistischen Hochschulbund“ organisiert und besuchte regelmäßig den Kapitalzirkel. Dann ging ich nach Berlin und lernte in einem Seminar über DDR-Literatur ein paar Dissidenten kennen, die im Zuge der Ausbürgerung von Wolf Biermann in den Westen gekommen waren. Besonders die Gespräche mit Gerolf Pannach, einem Liedermacher, der in Hohenschönhausen Röntgenstrahlen ausgesetzt worden war und später infolgedessen sterben sollte, „drehten“ mich sozusagen.

Es gibt noch einen für mich tragischen Ausgang dieser inneren Auseinandersetzung und Orientierung: Der Vater meiner Tochter, in meinen Augen zunächst ein Held, weil er über die Mauer von Ost – nach Westberlin geflüchtet war, war wahrscheinlich ein Agent, der sozusagen als „Provokateur“ Demos anheizen sollte und dafür bezahlt wurde. die Flucht über die Mauer seine Legende. Suzanne, die ich morgen treffen wollte, weiss darüber einiges, aber wenn ich es genau wissen will, kann nur meine Stasi-Akte Einblick gewähren.

Ines war bis letztes Schuljahr Lehrerin in Weimar. Ihr Mann, ein gelernter Ingenieur hat es nicht so gut getroffen: Zeiss Jena wurde aufgelöst und er musste bis zur Rente Regale in einem Baumarkt einräumen.Die jüngste Schwester ist Architektin in Washington, Cordelia wohnt in Ingolstadt, nur die beiden älteren Schwestern leben im Dorf ihrer Eltern. Die Tochter von Ines, Theresa, lebt in Berlin und arbeitet im Auswärtigen Amt. Sören, der Sohn, ist so alt wie Alina und vor Kurzem ausgezogen,Durch Kleinromstedt führt eine stark befahrene Strasse, direkt am Haus von Ines und Jürgen vorbei.

 

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3 Antworten

  1. Heike sagt:

    Auch wenn du nicht die Schwester hats, die du dir immer gewünscht hast, hast du doch eine Riesenfamilie. Deine Erzählung animiert mich, an meine eigenen frühen Erinnerungen anzuknüpfen (Besuch bei Oma und Opa in Leipzig). Was du von Pape schreibst wusste ich nicht. Willst du`s (noch) nicht so richtig wissen? Un dich seh uns bei Babsi im Obergeschoss (unterm Webstuhl?) sitzen und Kapital lesen in Gruppe.

  2. Ines sagt:

    Deine Lebenslinien sind hoch interessant. Stoff für einen ganzen Spielfilm. Ich bedaure, dass ich nie in der DDR war, als es sie gab. Erst nach dem Mauerfall war ich 1991 das erste mal in Berlin und 1993 auf Usedom. Ich sauge die Filme auf, die aus der Zeit der Wende stammen. Leider war ich in meinem Leben während dieser Zeit zu stark mit mir und allem möglichen beschäftigt und hab es nicht so intensiv erlebt, was passiert ist.

  3. Renate sagt:

    Ich kenne die DDR auch noch aus den 70ern. Die Familie meines damaligen Freundes lebte dort.
    Spannend deine Geschichte, wirklich filmreif

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