21-05-07-CoTaBu- Sauerteig wie ein Lebewesen und ein ganzer Tag Jakob
Ein Tag ganz anders als andere Tage. Jakob und Michael kündigten sich mit Semmeln an und brauchten dann doch länger, um noch bei Hermannsdorfer Roggenmehl zum Backen zu besorgen. Jakob wollte nicht mein „altes Mehl“ nehmen. Es gehört zu seinen Gewohnheiten, meine Bestände auf Überfälliges zu untersuchen. Noch bevor wir uns am Frühstückstisch niederließen: Abstrich. Dann setzte Jakob seinen Sauerteig an; den Ansatz im Glas stellte er mir wie das jüngste Familienmitglied vor. Alles fermentiert jetzt und morgen bäckt er ein Brot. Unterweisung über Vorbereitungsprozess, Füttern des Ansatzes, die Seele des Brotes (meine Worte). Das Frühstück wurde etwas brenzelig, weil Michael ständig unterbrochen wurde. Kurz vor Kippen seiner Stimmung machten sich die Beiden an Simons Zimmer. Jakob war aufgefallen, dass er „eigentlich noch nie einen Finger krummgemacht“ habe. Als Michael ging blieb Jakob. Wir haben uns ununterbrochen unterhalten – das gab es noch nie. Er hat begonnen, Peters Mappen durchzusehen; sich in den einzigen Stammbaum vonseiten meines Vaters vertieft (wir haben vorwiegend unzählige Dokumente vonseiten meiner Mutter), während ich uns was gekocht habe. Er meldet keine Wünsche an und kocht selbst so anspruchsvoll, dass ich nicht mithalten muss. In der „Debatte“ – heute nennt man das ja so – kann er etwas dogmatisch werden, führt mir eingefahrene Denkmuster vor Augen; das bringt Reibung, heute aber keine Spannungen. Es war ein wirklich schöner Tag ohne Rückzugsbedürfnis, weder von ihm noch vor mir. Ich bin ganz erfüllt. Abends hat er eine Freundin getroffen. Sind wir überhaupt je im Leben den ganzen Tag im Kontakt gewesen? Ich denke, es war das erste Mal. Eh und je braucht er Rückzug, ich inzwischen auch. Und früher war da Simon. Immer und immer die Beiden als Einheit und ich irgendwo.
Dass Jakob wie viele junge Männer Brot backt und exzellent kochen kann, ist was Schönes. Und dann so ein Tag des angeregten Miteinanders dazu. Das freut mich. Wer hat denn Michael immer unterbrochen? Und was haben die beiden in Simons Zimmer gemacht? Du musst schreiben, wie das Roggenbrot schmeckt, wenn es ausgewachsen ist.
Jakob hat schon früh gekocht: wenn er mit Simon allein war hat er für ihn gesorgt. Und das Brot in Holland ist kein richtiges Brot, deshalb hat er sich das zur Gewohnheit gemacht. Wir haben beide unterbrochen, ich wohl noch schlimmer. – In Simons Zimmer: Michael hat ein Regal für übers Bett gebaut und gebeizt, zwei Kisten gebaut (Stichwort „Podest“…) und das wurde heute angebracht.
Brot backen ist gerade in Coronazeiten total in. Jakobs Motivation ist eine andere, verständlich, wenn es kein gscheites Brot zu kaufen gibt. Ein Tag mit deinem Sohn der dir viel bedeutet. Rückzug um danach wieder miteinander zu sein.