21-05-30-CoTaBu-Alles hat seine Zeit, ich hatte die meine + irdische Güter

Noch betäubt und unendlich müde. Heute früh konnte ich mir kaum vorstellen, heute aufzustehen. Dann aber kam Beate zum Frühstück – wir haben es offengehalten, es MUSSTE nicht toll werden, das war entlastend und wir hatten es gut miteinander. Dass ich heute Michaels Mutter übernehmen wollte hatte ich vergessen. Dann aber habe ich mich durchgerungen, konnte sie nicht erreichen. Da man geimpft jetzt ins Marienstift kann habe ich sie angetroffen. Alle Stecker von Telefon und Fritzbox gezogen; Rollator hoch beladen, sie fix und fertig. Wo sie schon überall und den ganzen Tag „in der Stadt“ gewesen war, insbesondere „am Bahnhof“! Wozu dort? Natürlich, um ihre Besucher abzuholen. Sie war so erledigt, dass ich sie nichtmal in den Garten entführen konnte. Niederschmetternder Zustand. Michael habe ich danach besucht. Ihn stecken meine Zustände 1:1 an, sodass wir beide bleischwer waren. Morgen steige ich in den hospizlichen Rahmen um wie allmontäglich. Unser Patient, der mit ca. 50 Zigaretten pro Tag „schließlich noch leben wollte“ ist bei Gregor vorletzte Nacht sitzend an der Bettkante gestorben. Nachdem sein ganzes Zimmer vollgestopft wurde (Cornelia hatte am Dienstag 3,5 Stunden bei ihm geräumt, Isabella eine Wagenladung überflüssiger, kaputter Sachen nach ihrem Nachtdienst entsorgt) muss jetzt alles wieder raus. Skurril: Er, der mich gefragt hatte, ob er einen Kasten Bier mitbringen dürfe (obwohl wir selber Bier haben, nur damit es seine „Freunde“ nicht bekommen!) hatte jetzt den Safeschlüssel in der Jackentasche im Sarg. Das Bestattungsunternehmen musste nochmal nachschauen und zurückkommen. Vonwegen: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Gestern war ich abends ausgiebig am Friedhof, das war gut für mich. Aus den Blumen vom Müll habe ich süße Sträußchen mit Stiefmütterchen gepflückt, eines fürs Grab, eines für daheim.

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3 Antworten

  1. Renate sagt:

    Schlimm, was Demenz mit den Menschen macht. Aus dem Müll am Nordfriedhof habe ich auch schon viele Tag- und Nachtschatten (Stiefmütterchen) mitgenommen. Halten recht lange. Die Story des Patienten ist nicht zu glauben. Geiz bis zum bitteren Ende.

  2. Beate sagt:

    Die Geschichte heute von Michaels Mutter ist wirklich erschütternd. wie sie sich sinnlos verausgabt, wie einsam sie damit ist, dass sie in ihrem Kopf ein rastloses Leben führt. Wir hätten vielleicht einfach zusammenbleiben sollen. Stiefmütterchen sind so hübsch , ich glaube, ich habe sie auf deinem Tisch gesehen.

  3. Ines sagt:

    Krass, der Zustand von Anni. Sehr bedrückend. Und der Patient hat ja nicht mehr lange gelebt, so viel Aufwand für ein paar Tage, aber so ist es ja oft im Hospiz, denke ich mir.

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