21-06-05-CoTaBu- Leben am Tropf des Staates + Innerliches Rumoren
Gedanken, die ich gestern hatte, waren der Sozialarbeiterin in mir nicht würdig. Kürzlich sagte eine Kollegin aus Wartenberg bei der Anmeldung eines Patienten, dessen Indikation sich ausschließlich aus Folgen von Alkoholabusus wie Korsakow, Polyneuropathien, Verschlusskrankheiten, epileptischen Anfällen definiert, dem man viermal täglich Wodka injizieren muss, um Letztere zu vermeiden, das sei eine Krankheit wie jede andere. Tatsächlich traut ihn sich kein Heim zu. Ich stimme zu und ich stimme nicht zu. In dem, was sie in der Versorgung mit uns machen gibt es Unterschiede. Wären Gefühle nicht, würden Roboter die Pflege übernehmen, wäre kein Unterschied. – Als Michael und ich gestern Sack und Koffer ins Betreute Wohnen in Freising schleppten, einmal ums Karree, weil die Beschilderung irreführte, rings um ein zwitscherndes, blühendes Paradies; als mir eine höchstens 50-jährige, von oben bis unten tätowierte Frau im Rollstuhl, beidseits amputiert, den Weg wies; als endlich eine alte Hippiefrau mit Zahnlücken, offenen, taillenlangen, grauen Haaren, am Sauerstoff gebückt die Tür auftat zu einer hellen, schicken, geräumigen Wohnung, in der fast NICHTS stand, nichts Nützliches, Schönes, was der Mensch so braucht, was ein Leben ausmacht; eine menschliche Verkörperung des Drogen-, Nikotin- und Alkoholmissbrauchs; da befiel mich das Bild, wie Menschen am Tropf des Staates hängen, ohne auch nur einen Finger dafür zu krümmen. Erwächst die Anspruchshaltung dem Umstand, dass sie womöglich schon in solche Verhältnisse hineingeboren waren und es nicht anders kennen? Hölle und Paradies in einem – bedrückend. Von Staats wegen der Versuch, Gestrauchelten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Wo aber liegt der Keim der Würde? – Aus Freising hat es uns gleich weggezogen, es wurde eher eine Spazierfahrt über Land. Resttag mit vergeblichen Bemühungen um die Augsburger Wohnung vertan. Wieder das „Hab und Gut“. Aber viel innere, gedankliche Arbeit jetzt.
Es ist unglaublich, wie manche Leute leben. Wobei ich die helle, schicke und geräumige Wohnung nicht mit einem Menschen mit Drogen und Alkoholabusus in Zusammenhang bringen würde. Da assoziiere ich eher Messi-Wohnungen, wo man keinen Fuß hinein setzen möchte. Eine Krankheit wie jede andere ist das, was euer neuer Patient hat, auch für mich nicht. Andererseits wer bin ich, zu sagen, selbst schuld. Vieles im Leben ist Glücksache und genetisch und durch das soziale Milieu vorprogrammiert. Trotzdem ist es für mich etwas anderes, ob jemand an Krebs leidet oder an Alkoholismus.