21-08-01-Jakobs Abschied im Schatten von 100% ganztägiger Bine-Präzenz

Ich weiß nicht wie mich äußern, ohne Entblößendes zu offenbaren. Ich versuche es vorsichtig. Bine hat sich – wie meist – entschlossen, den Familienanschluss zu genießen und will nichts als nur mit mir sein. Da mit ihr ein problemloses Zusammensein nicht möglich ist heißt das, dass ich Michael am Freitag zum letzten Mal gesehen habe (oder war es gestern auf ein Abschiedsmittagessen mit Jakob?). Bine hat die Eigenschaft, mir auf Schritt und Tritt zu folgen. Gehe ich vom Auto aus zehn Meter Richtung Parkuhr Geld nachwerfen, wetzt sie hinter mir her wie ein Hund. Tanke ich, stehe eingeklemmt zwischen Auto und Zapfsäule im Gestank und Lärm, taucht ihre Stimme plötzlich von hinten an meinem Ohr auf. Sie zeigt sich erbötig, „Scheiben zu wischen“. Ich schicke sie zurück auf ihren Platz. Lege ich mich aufs Bett, um mich in ein paar Seiten Lektüre zu flüchten, taucht sie wie ein Gespenst lautlos in der Tür auf. Immer fahre ich entsetzt zusammen. Will ich durch die Tür, an den Kühlschrank…sie steht im Nadelöhr. Bine möchte was unternehmen: nicht ohne mich. Gestern nochmal Feldafing. Wir hatten bei dieser Witterung das Strandbad quasi für uns, das war wirklich erholsam. Beide weit geschwommen, zu Bines Leidwesen nicht gemeinsam. Ich fürchte viele Themen. Egal worum es geht: es wird bis zur Melasse durchgekaut. Persönliches spreche ich nicht gern an, sie verwendet es bei Gelegenheit gegen mich. Es gibt wenig echtes Gespräch. Von Früh bis in die Nacht…ein Wahnsinn. Obwohl sie sich bemüht und stundenlang still liest. Mit Jakob ging es ganz gut, die Beiden sind vereinbar für begrenzte Zeit. Michael und Bine – nicht. Natürlich frage ich mich immer, was das ist. Eine Krankheit, eine Störung? Dieses Reden, diese Umstandskrämerei, dieses Zweifeln und Zaudern. Als ich 1977 in Berlin bei ihr eingezogen bin, hatten wir viele Reibereien. Dennoch wich sie auch damals nicht von meiner Seite. Heute überfiel mich vorübergehend Verzweiflung.

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2 Antworten

  1. Ines sagt:

    Ihr seid beide bedauernswert. Je mehr Bine deine Nähe möchte, desto weniger hältst du sie aus und das bewirkt noch mehe Nähebedürfnis bei ihr. Fast ein Teufelskeis. Wenn es nicht so zum Verzeifeln wäre, dann wäre es ziemlich komisch, insb. der Vergleich mit ein Hübndchen, das auf den Platz geschickt wird.

  2. Renate sagt:

    Das sie deine Nähe in diesem Ausmaß sucht, hast du so noch nicht erzählt. Wie anstrengend muss das für dich sein und wie muss deine Schwester sich fühlen ? Es hat was Entwürdigendes. Was Ines schreibt denke ich auch.

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