21-08-04-CoTaBu-Bissen für Bissen + Haikulese – kostbar geistige Stunden
Gestern meiner Mutter Geburtstagsbesuch abgestattet. Auf dem Elterngrab und auf Simons standen Blumenstöckchen; Schneckenfavoriten! Unkenntlich, ratzekahl abgefressen; alles voller Schleimspuren. Nicht umsonst pflanzt jeder Begonien. Im Sommer werden nur sie von den Schnecken verschont. Später zur Feier des Tages nach langer Zeit mit Michi bei Giovanni in Abendkälte gespeist. Heute hat mich Michael wegen des Regens abgeholt. Diesmal zu mir. Wir haben Lollokisten durchgeguckt, die gerade eh für Bine auf dem Tisch stehen. Hochgeistige, qualitätvoll aufrichtige Post zu ihrem Tod, aber auch Haikus, die sie über die Jahre angesammelt hat. Uns interessieren nicht alle aus ihrer Augsburger Haikugruppe, sondern die ihren. Die uns ansprechen haben wir herausgeschrieben. Nachher habe ich gekocht. Es war ein Abend der gemeinsamen Konzentration auf ein Thema mit schlichtem Essen. Das ist es, was uns guttut – leider viel zu selten. – Im Hospiz hatten wir jetzt einen einzigen Platz, den habe ich nach innerem Ringen und gründlichem Abwägen an die Palli gegeben. Später von Therese gehört, dass sie aus allen Nähten platzen. Insofern eine gute Entscheidung. Wen aufnehmen, wenn unendlich Viele warten? Die Palli nimmt uns laufend Patienten ab, die nicht mehr warten können. – Ein Highlight: Ingrid kam mit ihrer Arbeit nicht rum. Eine Patientin, die gerne und viel, aber unendlich langsam isst, bekommt das Essen meist von den Ehrenamtlichen. Heute war niemand da. Da bin ich in deren Rolle geschlüpft. 1:20 Minuten Essen eingegeben, stehend: bei einer unwahrscheinlich liebenswürdigen, charmanten, mit jedem Wort und jedem Blick wertschätzenden, wenn auch ziemlich verwirrten Patientin, die einmal die Chefin im Isenegger war, mein Jahrgang. (Leider mein Lieblingsessen, was lief mir das Wasser im Mund zusammen!). Ich habe mich schon für morgen freiwillig gemeldet, Heike Ritter fehlt. Es war für mich ein schönes, bodenständiges, erfüllendes Intermezzo. Essen, welches Wunder! – Eintrittspforte ins Innere; sogar Gebet kam zwischen uns auf.
Ich würde als Schnecke die Begonien auch verschmähen. Fast 1 1/2 Stunden Essen eingeben hat was meditatives. Allerdings nicht im Stehen.
So schön, wie einträchtig du von Michaels und deinem Abend erzählst. Und eine ähnlich harmonische Zweisamkeit mit der Dame, die so langsam isst. Wenn sie auch noch dazu viel isst, dann bist du beschäftigt. Lustig, die Parrallele zwischen den gefräßigen (langsamen) Schnecken am Friedhof und der vielessenden Patientin, die langsam wie eine Schnecke isst.