Maria Einsiedel
Da meine Patienten abgesagt haben, konnte ich schon um halb drei Feierabend machen. Über diesen unverhofften freien Nachmittag hab ich mich sehr gefreut und wollte ihn unbedingt nutzen. Zunächst bekam mein Tatendrang einen Dämpfer. Ich wollte nämlich, bepackt mit Badezeug, ins Südbad. Leider war die Schlange davor so lang, dass ich mich nicht anstellen wollte. Auf dem Weg dahin traf ich eine ältere Kollegin, die mit ihrem Mann spazieren ging. Ich war entsetzt über das Aussehen des Mannes. Das Gesicht zerschunden und kaum Zähne im Mund, ich war richtig irritiert. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es ihr Mann ist, hätte ich ihn für einen obdachlosen Biss-Verkäufer gehalten. Was also statt des Südbads unternehmen? Meine gute Laune war schon angekratzt. So fuhr ich zum Naturbad Maria-Einsiedel, wo ich einmal vor vielen Jahren mit Maja war. Auch dort die Auskunft, man hätte sich vorher registrieren müssen. Eine nette Frau sprach mich an und meinte, ich könne ihre Reservierung haben und so kam ich tatsächlich hinein in das wirklich hübsche Freibad, durch das ein Isar-Kanal fließt. Ich spazierte lange im Bad herum und wusste nicht Recht, wo ich mich hinlegen soll. Wenn ich alleine bin, fallen mir solche Entscheidungen schwer. Endlich fand ich einen Platz bei einem Baum und einer Bank ziemlich in der Sonne. Lange hab ich mich aufgeheizt bis ich mich dann endlich in das eisige Wasser des Kanals getraut habe. Für mich eine echte Überwindung, fast schon Mutprobe, weil ich kaltes Wasser schwer aushalte. Dann war es aber ein erfrischendes, herrliches Badeerlebnis. Ähnlich wie im Eisbach, wird man unter Brücken durch mit der Strömung gezogen. Da Hubert heute wieder mal verabredet ist, bin ich bis zum Abend um 19 Uhr geblieben. Habe viele alleinstehende Menschen gesehen. Wenn ich gewollt hätte, wäre es ein Leichtes gewesen, jemanden kennenzulernen. Aber ich habe keinerlei Signale ausgesendet und mich mit Lesen beschäftigt. Am Abend kam wieder die Smoothie-Maschine zum Einsatz, einen grünen und einen roten hab ich gemacht. Den roten nehm ich morgen mit zur Arbeit. Mir kam der Gedanke, dass Hubert und ich nach einer sehr symbiotischen Phase jetzt in einer Differenzierungsphase sind. Es fühlt sich gut an, wenn jede/r wieder ein Stück eigenes Leben führt.
Dieses Bad kenne ich nicht, es klingt wunderbar; allerdings würde ich nie in Eisbach oder Isar gehen aus Angst vor Kälte und Strömung. Jemanden kennenlernen zu wollen liegt mir so fern wie nur etwas – mich schreckt schon, wenn jemand „anknüpfen“ will. Das war nicht immer so. – Die Differenzierungsphase kommt zwar spät, aber sie kommt, das finde ich gut.
Die Vorstellung in eiskaltes Wasser zu steigen, wie es so viele Leute auch im vergangenen Winter gemacht haben, ist mir ein Graus. Im Maria Einsiedelbad war ich mit der damals kleinen Sirena oft. Sehr idyllisch!
Diese Anmelderei ist lästig. Dein freier Nachmittag wurde, dank der Frau, doch noch gut. Im Kanal baden wäre nichts für mich.