21-08-25-CoTaBu- Lesen, schlafen, träumen und das Glück, Zeit zu haben
Alles wie immer mit dem Unterschied, dass ich Zeit habe. Ich schlafe aus und ich schlafe nachmittags beim Lesen ein. Heute waren wir ausgiebig an der Isar nahe Marienklause. Ich reagiere endlich mal auf Yukos Emails, arbeite mich quasi zu ihrer rechten Hand hoch. So „durfte“ ich (die Zuständige war unerreichbar) ihre Übersetzung der Kommentare der Meisterin Korrekturlesen. Das wäre nicht schwer, aber natürlich färbt „das Japanische“ ab. Ich habe verinnerlicht, dass nichts direkt ausgesprochen wird. (Erinnert an das Kinderbuch „Großer Tiger und Christian“; darin lernt man, was es bedeutet, sich „mongolisch“, also „dunkel“ auszudrücken. Oberstes Gebot: niemanden bloßzustellen). Morgen gehe ich in den Haikukreis. Man kann diese Dinge nicht den ganzen Tag lesen, sosehr sind sie mit Wissen gespickt und anstrengend. Zwischendurch sortiere ich Bücher aus. Endlich habe ich die Bücherkiste der Pfennigparade gefunden. Ich war etwas enttäuscht über: „Sie können die Bücher in die Kiste unterm Tresen packen.“ Hatte vielleicht insgeheim ein Lob für diese Wahnsinnsschätze in Topzustand erhofft? Kann also nächstens getrost wieder den Bücherschrank nehmen, da erlebe ich die Freude derer, die gleich danach greifen. Zu Klamotten bin ich noch nicht gekommen, aber ich habe aufgeräumt, damit Ursula (ausnahmsweise) morgen wirtschaften kann. Auf etwas bin ich gestoßen, was uns Beate, aus welchem Anlass bloß?, einmal empfohlen hat („die Erzählung der Magd Zerline“). Roman (Die Schuldlosen, Hermann Broch) aus elf Erzählungen, erinnert an Jung`sche Denkweise, hat vielleicht sogar was von „magischem Realismus“ (?), Symbolismus, biblischen Anleihen; streckenweise mühsam, aber „verlorener Sohn“ und „Imker“ haben mich sehr angesprochen; gleich nochmal Zerline, die schon beim verlorenen Sohn auftrat. Ziemlich abgefahren, spirituell (spiritistisch?). Wieder lande ich vor hundert Jahren. Wie wenig ich äußerlich unternehme, darf ich keinem erzählen. Wie wenig ich darunter leide, „einfach nur“ hier zu sein. Dafür träume ich wie eine Weltmeisterin und schreibe alles auf.
Du bist in einem beneidenswerten Zustand, scheint mir: Zeit zu haben für Lesestoff, der Konzentration erfordert, Haikukreis, Träume in der Nacht und Schlafpausen am Tag!
Ich bin auf Hermann Broch vor vielen Jahren gestoßen, als ich die großartige Jeanne Moreau in den Kammerspielen gesehen habe. Sie sprach den Monolog der Magd Zerline unglaublich beeindruckend.
Ein beneidenswerter Zustand. Ich erinnere mich, dass du die freie Zeit nicht immer so ausgiebig genießen konntest. Die japanische Art, Kritik so zu üben, dass es nicht kritisch ist, finde ich sehr anstrengend. Glückliche Abnehmer von aussortierten Büchern in top Zustand zu finden, ist scheinbar gar nicht leicht. Ein anerkennendes Danke wäre das Mindeste von dem Bücherkisten-Mensch.