Kleine Welt
Ich warte am Bahnhof in Brixen auf den Zug nach München. Der Aufenthalt war alles in allem sehr gut, auch wenn ich nicht auf den Trichter gekommen bin, laut Heike, alleine essen zu gehen. Am Donnertag Abend gab es einen sog. Gesellschaftsabend mit allen Dozenten und einigen Teilnehmern in einem Lokal mit 3-Gänge-Menue. Dort hab ich mich den ganzen Abend mit der einzigen anderen Kollegin vom Kinderzentrum unterhalten, die ca 30 Jahre ist und sehr selbstbewusst. Eine schwer adipöse junge Frau, die kurze enge Kleider trägt und keine Scheu hat Vorträge vor großem Publikum zu halten. Sie promoviert gerade. Aus der wird mal eine Dozentin, glaube ich. Mit dieser war ich auch am 2. Tag im Lokal. Da sie dann noch mit dem Auto nach München gefahren ist, bin ich noch rumgeschlendert und auf ein anderes Teilnehmergrüppchen gestoßen, mit der ich noch in einem anderen Lokal was trinken war und mal wieder festgestellt habe, wie klein die Welt ist. Ein Ärzte-Ehepaar kam nämlich aus Bielefeld. Sie waren in dem Jahr dort hingezogen, als ich weggezogen bin. Da hatten wir natürlich erst mal ein Thema. Aber das besondere aber Brixen ist die bildhübsche, kleine Altstadt umgeben von Bergen, das herrliche Wetter, die freundlichen zweisprachigen Menschen, die ausnahmslos fließend deutsch und italienisch sprechen, und auch die Musik. Wenn man durch die Gassen geht, hört mal aus den offenen Fenstern und Kirchen Gesang und Orgelspiel. Heute früh war ich einige Zeit in der Kirche zum Beten. Die Mittagspausen waren von Spazieren und Shoppen geprägt und täglich ein Mittagsschläfchen. Zu Recht kann man fragen, ob ich nicht eigentlich an einem Kongress teilnehmen wollte mit unzähligen Vorträgen und Seminaren. Ja, das fand auch statt. Inhaltlich nicht alles relevant für mich, aber größtenteils interessant. Ich bin froh, dass viele Dozenten ihre Vortragstechnik insofern verbessert haben, dass man nicht mit Power-Point Folien und Zahlen erschlagen wurde. Beim Abschied war ich richtig wehmütig. Nächstes Jahr werde ich wieder kommen, sofern es möglich ist. Inzwischen sitze ich im Zug, der tuckert geruhsam durch die Südtiroler Bergwelt.
Was du über Brexen schreibst klingt so einladend, dass ich am liebsten gleich dorthin fahren möchte. Und dass es dir gelingt, allein in einer Kirche wirklich zu beten, finde ich bemerkenswert und nicht leicht. Dieses neue, übersteigerte Selbstbewusstsein unter jungen Leuten – im Kontrast zur Überbescheiden- bis Komplex-beladenheit zu „unserer“ Zeit – fällt mir seit Langem auf. Die Scheu, auf eine Bühne, an ein Mikrofon zu treten, kennen viele nicht mehr. Sie werden dazu erzogen, sich als die Größten zu fühlen.
Brixen, bitte.
Die vielen Begegnungen in Brixen waren sicher eine spannende Abwechslung, vom inhaltlichen Austausch ganz zu schweigen. Brixen ist ein so überaus hübscher Ort, ein guter Platz, da zu tagen