21-09-15-CoTaBu-Vietnamesisches Pack + ein Junge verliert seine Mutter

Langsam geht es mir besser. Im Hospiz wenig Patienten, trotzdem landunter. Eine Vietnamesin starb heute. Laut Tochter gab es niemanden, auch keine spirituelle Anbindung. Heute dagegen das ganze Haus voller Vietnamesen incl. vier Mönchen. Ein unverschämtes, maßloses, rücksichtsloses – sorry – Pack. – Eine andere Patientin, bei der ein ganzes Helfersystem involviert ist, dessen Federführer mich schon seit Montag regelmäßig kontaktiert hat. Gestern noch mit der Patientin in Kontakt gekommen, wenn auch mit größter Mühe. So anstrengend, sie zu verstehen, was sie mir sagen wollte; auch so verwirrt! Als ich es aber wagte – absurder Weise (zumal sie ständig klingelte, während ich da war, ohne zu wissen, was sie brauchte) – zu fragen, ob ich ihr ein Märchen vorlesen soll, sagte sie ja (es wurde Tischlein-deck-dich), kam zur Ruhe und schlief ein. Heute ist sie sterbend. Eine Unterschrift bräuchte es noch, die das Verfahren für den 14jährigen Sohn und dessen Verbleib deutlich vereinfachen würde. Jetzt keine Rede mehr von dieser Möglichkeit. Den Pflegevater in spe angerufen; er kam mit dem Jungen. Ich habe sie (am Brunnen) sehr eindringlich auf die Veränderungen vorbereitet, die sie bei der Sterbenden erwarteten. Dass der Junge ganz und gar auf sich hören, gleich wieder rausgehen oder gar nicht erst reingehen soll. Er ist Förderschüler, etwas zurückgeblieben, dabei von bemerkenswerter Offenheit, sozial gut entwickelt und vertrauensvoll. Als ich dann gerade mit meiner Gruppe angefangen hatte kam Agnes und flüsterte mir ins Ohr. Die beiden, sowohl der Junge als auch sein zukünftiger Pflegevater (auch recht jung) weinten so, sie wusste nicht mehr, was sie machen sollte, zumal sie ja auch andere versorgen muss. So habe ich, was ich noch nie gemacht habe, die Gruppe sich selber überlassen und bin runter gegangen. Als ich nach einiger Zeit fragte, ob ich sie jetzt nochmal allein lassen und nach der Gruppe wiederkommen könne sagte der 14-Jährige, ich solle bitte noch bleiben. Ich habe Bachblüten gebracht, einige Zeit ziemlich still mit ihnen in der Loggia gesessen, dann gewartet, bis sie ein zweitesmal im Zimmer waren (der Junge wollte sich unbedingt verabschieden, obwohl ihn der offene Mund, die Rasselatmung und anderes, das wirklich nur was für Hospizlerinnen ist, so erschreckten, auch dass keinerlei Reaktion der Mutter mehr kam), bin dann mit ihnen in die Kapelle gegangen, habe mit ihnen  gebetet (der Junge kannte das nicht, wollte es aber, hat immer genickt; eine Kerze angezündet), versprochen, dass ich später nochmal ins Zimmer schaue und sie telefonisch informiere; dass ich morgen früh als erstes zu ihr gehen und dann auch gleich anrufen werde. Sie sind dann ruhig gefahren, ich habe noch meine Gruppe zu Ende und dann alles wie versprochen gemacht. Übrigens habe ich den Jungen gefragt, ob er durch seine Mutter Märchen kennt. Er verneinte. Diese archaischen, kulturell eingewurzelten Dinge kann man nicht hoch genug einschätzen; niemand sollte sie seinen Kindern vorenthalten. Selbst ein Gebet, das Vater Unser, einem Menschen gegenüber, der es nicht KENNT – die Wirkung ist unbeschreiblich (gemeinsam mit Bachblüten).

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Die Wirkung von Märchen und Gebeten ist faszinierend. Sehr berührend, wie der 14jährige auf deine Angebote reagiert hat. Deine Arbeit ist unschätzbar wertvoll.

  2. Beate sagt:

    Ich kann mich dem Kommentar von Ines nur anschliessen. Wie wunderbar hast Du den beiden zur Seite gestanden! Auch wenn er nicht mit Gebeten aufgewachsen ist, hat das Vater unser beten dem Jungen geholfen

  3. Renate sagt:

    Wie gut dass du noch im Haus warst. Du findest in solchen Situationen immer das Richtige, seien es Worte oder sei es Schweigen.

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