Anstrengende Arbeit trotz Absagen
Ich bin noch in meinem Büro und muss mir die Zeit vertreiben, da wir um 18:30 Uhr zum Essen verabredet sind und das Lokal in der Nähe meiner Arbeit ist, so dass es sich nicht lohnt, zwischendurch nach Hause zu fahren. Heute habe ich nicht viel zu tun gehabt. Das erste Kind wurde kurzfristig abgesagt. Die Zeit konnte ich für Büroarbeit und Teams nutzen. Das zweite Kind war krank, da habe ich nur ein Telefonat mit der Mutter geführt, das 3. ist gekommen, aber war schon ziemlich erschöpft vom langen Kindergartenalltag, so dass ich den Termin kurz gestaltet habe. Ich finde das Arbeiten derzeit unbefriedigend. Insbesondere das Gespräch mit den Eltern zu führen strengt unheimlich an. Zum einen haben die meisten Eltern nur schwache Deutschkenntnisse und durch die Maske wird das gegenseitige Verstehen zusätzlich schwieriger. Zum Teil schreie ich regelrecht, weil ich sonst nicht verstanden werde und fühle mich total unwohl. Zum anderen sind die Eltern oft so unglaublich unstrukturiert, dass es jedesmal eine Anstrengung ist, das, was sie sagen, zu ordnen. Das ist ein großer Teil der Arbeit. Abends bin ich oft k.o. und mag gar nicht mehr viel sprechen. Gestern hatte ich wieder 3 Kinder mit frühkindlichem Autismus, auch eine Herausforderung, da sie sich kaum dazu bringen lassen, etwas gemeinsam anzuschauen oder zu spielen. Sie folgen konsequent ihrem eigenen Plan und benutzen die Erwachsenen lediglich, wenn sie für irgend etwas Hilfe brauchen. Die meisten sprechen gar nicht und reagieren auch nicht auf Sprache. Am besten kommt man körperlich mit ihnen in Kontakt. Nach so einem Tag wie gestern frage ich mich, wie lange ich das noch machen will. Zumal ich nicht das Gefühl habe, sehr hilfreich zu sein, denn außer Diagnosestellung, Gutachten und Empfehlungen kann ich nichts ausrichten. Da alle Stellen überlaufen sind, wo die Kinder adäquat Therapie bekommen, verlaufen die Empfehlungen nicht selten im Sand oder auf unbestimmte Zeit auf Wartelisten. Ich bin dazu übergegangen, die Eltern zu coachen, damit sie nicht nur auf die Therapie bauen, sondern selber anfangen, ihre Kinder zu fördern. Oft fängt es bei den Basics an, nämlich den exzessiven Konsum digitaler Medien zu stoppen und anzufangen mit dem Kind zu sprechen, auch wenn nichts zurück kommt. Jetzt freu ich mich aufs Restaurant und auf morgen, meinen heiß geliebten freien Mittwoch.
Es ist betrüblich, wie sich deine Arbeit im Kinderzentrum verändert hat. Jede Form der Entwicklung müsste bei den Eltern ansetzen und es ist unklar, wieweit bei ihnen überhaupt ein Bewusstsein darüber zugrunde liegt. Wahrscheinlich haben die meisten Probleme auf ganzer Front. Deine Möglichkeiten in „unseren“ ersten Jahren waren ganz andere.
Keine Therapieplätze für die Kinder, obwohl der Bedarf groß ist. Wie frustrierend muss das für dich sein. Dass du die Eltern unterstützt nicht nur auf eine Therapie zu warten, ist für manche Eltern sicher hilfreich. Mir war nicht klar wieviele Kinder an frühkindlichem Autismus leiden.
Sie ist so wichtig, die Arbeit, die Du leistest. Und sicher für die meisten Eltern ein Hoffnungsschimmer, die familiäre Situation zu verbessern. Doch für Dich ist es mitunter auch ein zähes Ringen, wie an Tagen wie diesem