21-11-10-Ärztlicher Kollege wird Hospizpatient und Krankheitswelle

Ich war in Aufruhr, sodass ich schon um 5:00 aufgewacht bin. Über unsere heutige Aufnahme, zwei Monate schon „in Arbeit“ mit Kontakten zur Ehefrau des Patienten, haben sich mir erst gestern die Augen geöffnet. Erst noch ein Anruf der Palliativstation Deggendorf. Dann einer von Dr. Gläser, der viele Jahre in unserer Palliativstation gearbeitet hat und sich für den Patienten einsetzen wollte, weil dessen Mutter nicht überrissen hatte, dass alles längst in Arbeit ist. Erst im letzten Moment im soundsovielten Gespräch mit der Ehefrau kapiere ich, dass der Mann, dem ich schon vor Wochen einen Platz angeboten hatte, den er damals noch nicht wollte, Chefarzt einer Psychiatrie ist und darüberhinaus DER Psychiater, Mitbegründer der Arbeitsgruppe der DPG, von der ich schon geschrieben habe, zur Vertiefung der Beziehung und fachlichen Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie und Palliativ. Wie oft hatte ich mit seiner Frau geredet! Nun kennen wir uns! Das wühlt mich auf. Ende September haben wir in der AG von seiner schweren Erkrankung erfahren und ihm gemeinschaftlich geschrieben. Zu der Zeit hatte seine Frau bereits erstmals bei uns angerufen. Jetzt ist er da, dieser gute, liebe, kluge Mensch. – Mit einem Traum von Gregor war ich aufgewacht: Er wohnte im zweiten Stock der Hutschenreuthervilla in Feldafing, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe eine Weile gebraucht um zu realisieren, dass das nicht echt sein kann. Nach dem Aufschreiben habe ich morgens noch „Letzte Gedichte“ gelesen von DichterInnen verschiedener Epochen. Jetzt komme ich von einem 13 Stunden Tag heim, abends Gruppe. Erst haben sich wenige angemeldet, dann wurden es etliche, zum Schluss eine Absage nach der anderen. Cornelia, weil ihr Mann nach 15 Wochen Reha gestürzt war. Eine habe ich heimgeschickt, weil sie sichtlich krank war. Eine, die IMMER da ist, meldete sich krank, andere sind es ohnehin schon, Adam kam erkältet, worüber heutzutage keiner begeistert ist. Allen hängt die Ungewissheit der aktuellen Situation im Gemüt.

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4 Antworten

  1. Renate sagt:

    Es ist ein großer Unterschied jemand aufzunehmen den man kennt. Mir ist das bekannt.

    • Heike sagt:

      Ich war besonders erschüttert darüber, wiesehr mir die Augen verschlossen waren bis zu der Erkenntnis. Als hätte ich es nicht sehen sollen, die Anfrage lag mit allen Vorkontakten wie ein offenes Buich vor mir. ICH hatte u.a. an ihn sehr persönlich geschrieben und es war wie in biblischen Szenen, dass mir erst im letzten Augenblick die Augen aufgingen.

  2. Beate sagt:

    dass gerade er es war, bei dem du erst spät wirklich begriffen hast, wie krank er ist, kann ich gut nachvollziehen: Du kanntest seine vitale Seite, dann ist es schwer zu begreifen, wie ernst seine gesundheitliche Verfassung ist

    • Heike sagt:

      Also das ist irgendwie auch ein Missverständnis: so gut kannte ich ihn auch wieder nicht. Ich glaube, ich kann es nicht vermitteln, was da passiert ist, es ist jedenfalls rational nicht zu erklären.

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