22-01-18-CoTaBu-Stau im Außen, Stillstand innen + Schreibabend
Was für ein Stillstand im Hospiz. Je weniger ich zu tun habe, desto weniger zieht es mich „nach oben“. Es gibt kaum jemanden unter den PatientInnen, zu dem ich Bezug habe. Ein ödes Dasein. Die meisten stabil. Warteliste 18 Seiten lang, ich wüsste nicht, was ich jetzt mit einem Platz mache. Kürzlich hat eine Ärztin angerufen, die jahrelang in der Palliativstation Fürstenfeldbruck war; dadurch kenne ich sie telefonisch. Nun in eigener Sache. Beide Eltern lieferten sich ein Rennen ab, beide brauchen einen Platz. Sie hat sich beurlauben lassen, um sie zu pflegen. Während des Gesprächs wandelte sie sich, regredierte sprachlich. Während sie zuerst von Vater und Mutter sprach, fing sie irgendwann an zu weinen und es wurde „der Baba“. Wir kennen das v.a. von Töchtern, „die Mami“, „der Papi“. In diesem Fall war es ein Wechsel von unserer professionellen Ebene in die des Kindes. „Hand in Hand“, so würden sie sagen, wollten sie jetzt sterben. Berührend. – Gestern nach dem Hospiz zu Aetas. Abwesenheiten: ein verstauchter Fuß, eine, die von den Kindern nicht wegkam, aber eine Neue: eine intensive kleine Runde. Wie immer gehe ich daraus erfüllt hervor. Gerade das Einfädeln einer akut (im ersten Jahr) Trauernden erfordert einiges; ich muss darauf achten, dass sie ihren Raum hat, keinen verfrühten Trost bekommt, der alles abschneidet, wenn sie schreibend oder lesend weint (dabei passiert das ja am ehesten). Diejenige, die beim Zoomtreffen letztes Mal dabei war, hat ganz selbstverständlich ihren doppelten Beitrag in mein Täschchen gesteckt. Wenn eine (diesmal sie) sagt, lasst uns das mit dem Geld gleich machen, tun es alle; ich schenke derweil Tee ein. – Danach Michi und Jakob im Augustiner getroffen; Jakob haben wir dann noch in die Arcisstraße gebracht und per Handy Musik gehört, der der Soundtrack für unsere erste Reise mit Michael war – 1998.
Das klingt immer noch nach Stillstand im Hospiz. Gut wenn der Impuls einen monetären Beitrag zu leisten von den Teilnehmerinnen ausgeht. Dir hat das im Vorfeld schon Kopfzerbrechen gemacht und so hat sich das Problem bestens gelöst.
Übrigens ich habe gestern Frau Nathalie Antony auf Arte gesehen. Sie war doch Soz.päd. In Großhadern. Jetzt ist sie Psychoonkologin im KH Freising. Wusstest du vielleicht schon.
Dass ich für NÜSCHT Gruppe mache ist lediglich in Coronazeiten der Fall. In Präsenz läuft das gut. Nur, wenn ich Zoom mache bzw. überhaupt die Aetas-Gruppe per Mailsimpulsen und entsprechenden Feedbacks am Laufen halte – was unterm Strich viel mehr Zeit kostet, ist das ein Thema. – Natalie Antony ist damals direkt von Großhadern als Psychoonkologin nach Freising gegangen. Das würde mich interessieren. Wir haben inzwischen keinen Kontakt mehr. In Großhadern hat sie es schwer gehabt. Privat mochte ich sie nicht besonders, aber sicher macht sie ihre Arbeit ganz toll.
So eine lange Warteliste, und kein freier Platz in Sicht, weil Patienten stabil. Das ist erstaunlich, oder hattet ihr diese Situation regelmäßig? Für die Neue in eurem Schreibkreis war es sicher gut, dass es eine kleine Gruppe war. Beim lauten Lesen der eigenen Texte kommen die Emotionen hoch, das kenne ich auch. Schön, dass du Jakob jetzt öfter sehen kannst.
Die Gruppe ist immer klein, mehr oder weniger. Für diese trauernde Frau war es ein Segen. Sie hat mir inzwischen nochmal geschrieben. Eine andere, die am Montag fehlte, das aber erfahren hat von mir vonwegen Zuwachs, schrieb gleich: wie schön, ein Lichtblick für diese Frau. Da kriege ich gleich Widerstand. Es war eben KEIN Lichtblick, sondern Dank rigoroser „Lenkung“ genau der Raum ohne Zwang, sich BESSER fühlen zu müssen mit der ausgesprochenen Bitte an die anderen, sie nicht gleich mit Streicheleinheiten, Tröstungen und Aufmunterungen zu überfallen. – Solch stabile Situation, solch unabsehbare Wartezeiten…hatten wir m.E. so noch nie.
Du hattest mal erzählt, dass man das Hospiz wieder verlassen muss, wenn man zu lange da ist. Welchen Zeitraum betrifft das denn? Frau Haupt hat neulich erzählt, dass auch sie keine festen Beträge erhebt. Sie meinte, sie habe den Impuls von der Bayer. Staatsregierung: „Pay, what you want!“
Es gibt keine klar definierte deadline. (Im Gesrpäch sage ich plus minus drei Monate). Wenn jemand mit hohem Aufwand versorgt werden muss, kann man ihn nirgendwo anders hinschicken. Wenn wir den Eindruck haben – böse gesagt – dass das jedes Hotel könnte, schon. Jemanden haben wir momentan, auf den Psalm 91 zutrifft: Wer unter dem Schirm des Höchsten steht…Er sprengt alle Maßstäbe, ich darf das gar nicht laut sagen, so wie ich oft denke, ich lasse im Blog Dinge zu euch dringen, die natürlich dem „Betriebsgeheimnis“ angehören und verlasse mich auf absolute Diskretion. Auf den Patienten bezogen: die Diagnose ist die Schlimmste, die wir überhaupt kennen, aber er ist, nach Gregors Begutachtung, viel zu früh gekommen. – Sehr sympatisch, wie Frau Haupt das macht.