22-02-11-CoTaBu-Halbfreier Freitag + ein Charismatiker mit Doppelleben
Da ich vorgestern einer Kollegin in Großhadern, die dringlichst wegen jemandem nachfragte, mit dem ich schon seit Herbst Kontakt hatte, wegen dem auch SAPV-Team sowie Familie schon drängte, den Zahn gezogen hatte (symbolisch gesprochen „Platz 75“ auf der Warteliste), keine Chance auf lange Sicht; ist gestern ein Patient unerwartet verstorben und andere, die ich vorrangig gesehen hatte, wollten es doch noch zu Hause weiterversuchen. Karla, die Kollegin, ist donnerstags nicht da. Ich muss sie und nur sie sprechen, kann unmöglich zuerst die Familie kontaktieren, sonst mache ich sie unglaubwürdig. Das heißt, dass heute nicht ganz arbeitsfrei ist. Nach Rücksprache mit ihr könnte ich von daheim aus die „Sozialamnamnese“ per Telefonsitzung mit der Ehefrau machen und an Renate mailen. Wenn nicht muss ich ins Hospiz. – Vorher bekomme ich um 9.00 meine neue Briefkastenklappe! – Dann treffe ich Jakob in einem arabischen Imbiss, dort interessiert ihn das Frühstück. Da hebt es selbst mir den Magen. Möglicherweise muss ich Linsensuppe essen, um nicht mit gewolftem Hackfleisch in den Tag zu starten. – Unser Verstorbener war der stets philosophierende Kunstlehrer, mit dem ich manches Stündchen verbracht hatte – u.a. die Betrachtung der (Plastik)Buddaskulptur; kürzlich habe ich ihm eine von Rilkes Geschichten vom lieben Gott vorgelesen. Es war über lange Zeit eine 1:1 Betreuung; sobald man ihn aus den Augen ließ stürzte er aus Bett oder Rollstuhl, zuletzt stragulierte er sich regelmäßig – wer weiß, ob nicht doch Absicht dahinter stand bei aller Verwirrtheit? Ein Charismatiker, der viel Besuch bekam – alle verehrten ihn. Eine seiner treuen Schülerinnen geriet gestern unverhofft in den Sterbemoment, nachdem sich seine Frau immer mehr zurückgezogen hatte. Diese kam nicht über die Kränkung hinweg, dass sich mit seiner Krankheit das Geheimnis diverser Mehrfachleben mit verschiedenen Frauen gelüftet hatte; hoffte vergebens auf Bekenntnisse. Bis zuletzt habe er geleugnet. Die Beweislage kann ich auswendig rauf- und runterbeten, sie hängt im Trauma fest. Nun ruht er in Frieden.
Für Linsensuppe zum Frühstück braucht es auch einen robusten Magen, oder eher Darm.
Das der Patient bis zuletzt geleugnet hat widerspricht der Vorstellung vom Sterben mit reinem Gewissen. Er hat seine Geheimnisse mit ins Grab genommen, so er denn welche hatte.
Der Patient mit Charisma ist am Ende nicht zu beneiden, wenn sich die Frau rar macht und stattdessen eine Schülerin an seinem Srerbebett steht, aber wahrscheinlich passend zu seinem Leben. Arbisches Frühstück ist auch nichts für mich.
ich weiss ja inzwischen, wie das arabische Frühstück ausgegangen ist. Mir ginge es auch nicht anders! Der Patient hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Mir mutet das einsam an, trotz der vielen BesucherInnen, die ihn schätzten und verehrten