Papas Geheimnis

In Bielefeld ist es fürchterlich kalt und zudem regnerisch. Gestern kam ich etwas verspätet mit dem Zug an, mein Vater holte mich ab. Wir saßen mit einer Flasche Rotwein bis halb 1 im Wohnzimmer und redeten. Relativ schnell kam er zu dem Punkt, dass er mir etwas sagen möchte. Er hat Kontakt zu einer Frau aufgenommen, die er von vor 45 Jahren gut kannte. Es bestand wohl eine große gegenseitige Anziehung und wenn er und auch sie damals nicht schon Familie gehabt hätten, wäre er gerne mit ihr zusammen gewesen. Sie zog dann mit ihrem Mann und 2 Söhnen weg aus Bielefeld in die Nähe von Stuttgart und der Kontakt brach ab. Jetzt würden sie sich wieder treffen und haben auch vor, miteinander in den Urlaub zu fahren. Die Frau, Marianne heißt sie, seit 6 Jahren Witwe und 79 Jahre alt, und er hätten sich vorgenommen, es ihren Kindern dieses Wochenende mitzuteilen, weil sie kein Geheimnis daraus machen wollen. Er war etwas aufgeregt, als er es mir erzählte und sehr erleichtert, dass ich ihn nicht verurteile. Er sagt, er habe jetzt auch nicht mehr viel Lebenszeit vor sich und wolle das Leben noch auskosten, hat außer der Reise mit Marianne noch eine Schiffsreise mit Freunden und eine Rotelreise geplant. Ich freu mich für ihn. Aber anhand meiner Träume und schlecht geschlafenen Nacht, muss ich es erst noch verarbeiten, dass mein Vater verliebt ist. Heute stand dann ganz im Zeichen des Sichtens und Aussortierens der Kleider meiner Mutter. Als meine Mutter ca 40 und noch sehr schlank war, war sie Karnevalsprinzessin. Die zwei langen totschickenund teuren Kleider, die sie für die zugehörigen Anlässe gekauft hatte, haben Petra und ich spaßeshalber angezogen und hatten richtig Gaudi dabei. Ansonsten ist uns alles von ihr viel zu groß. Ich hab mir eine Kette, einen Pollunder, einen Schal und einen Stift von ihr genommen. Am Nachmittag kam mein Bruder dazu und wir haben zu viert das Grab besucht und haben in mehreren Steinmetzausstellungsgärten nach einem Grabstein geschaut. Ähnlich wie beim Aussuchen des Sarges waren wir uns schnell über Größe und Beschaffenheit des Steins einig. Am Abend blieb mein Bruder noch zum Essen und Reden. Morgen geht’s noch mal weiter. Wir Kinder haben uns noch nicht über Papas neue Freundin ausgetauscht.

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3 Kommentare

  1. Heike sagt:

    Was für eine Nachricht! Ich bin selber ganz bewegt. Für so ein Bekenntnis bist du genau die Richtige, die sich das anhört und Respekt und Zurückhaltung zeigt. Wie schön! Du hast mal gesagt, dein Vater wolle nochmal „durchstarten“, und es klingt wirklich danach. Hoffentlich habt ihr Fotos von euch als Karnevalsprinzessinnen gemacht (die wir dann auch bewundern dürfen)? Ein Stift von deiner Mutter, schön!! Mit dem Grabstein ist der Umgang wie mit allem: klar. (Was habe ich mich bei Peter, bei Simon gequält; skizziert, gesucht, verworfen).

  2. Beate sagt:

    Dein Vater hat nun noch die Aussicht auf eine Zukunft, in dem er sein Leben in neue Bahnen lenkt. Dafür braucht er auch Kraft und den Rückhalt, den Du ihm sehr respektvoll entgegengebracht hast. Ihr habt ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Überhaupt gewinne ich beim Lesen Deiner Zeilen den Eindruck, dass Ihr als Familie in wichtigen Schritten wie Nachlass ordnen und Grabstein aussuchen gerade sehr harmonisch zusammensteht

  3. Renate sagt:

    Egal ob jung oder alt, aufgeregt sind die meisten Menschen wenn sie so eine wichtige Mitteilung machen. Ich bin ganz gerührt. Mutig von deinem Vater nach so langer Zeit diese Frau zu kontaktieren. So kann es gegen im Leben. Alte Liebe rostet nicht!

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