22-04-15-CoTaBu- Karfreitag nah an Depression, dabei reizbar bis explosiv
Beate schreibt, besser krankmelden. Das nützt nichts. Ich habe genug Urlaub – fragt sich, wann ich ihn nehmen kann. Oft glaubte ich, nicht weg zu können wegen der Dinge, die zu tun waren. Jetzt geht es um Stellung halten. Vielleicht kann ich meinen Urlaub gar nicht nehmen, zumal der Showdown naht. – Auf dem Heimweg gestern bin ich einem Arzt von der Palli begegnet. Wir sind am Kanal entlang gemeinsam geradelt (er musste krass runterbremsen). Er hatte Corona, drei Wochen positiv. Um seine schwerkranke Frau zu schützen, sei er drei Wochen in einem Kämmerlein gelegen: konnte nicht lesen, fernsehen, sei schier durchgedreht. Auch in der Palli sei es ein zähes Arbeiten; er nahm Bezug auf andere Probleme, von denen ich ja wüsste, ich wusste aber nichts. Ich erlebe mich momentan wie eine psychisch Kranke unter Psychopharmaka; an der Grenze zu einer depressiven Verstimmung, beim geringsten Anlass vollkommen überfordert; kann auch sauaggressiv werden. Zum Beispiel als „Tangamonika“, eine honigsüße Exkollegin, wieder zu Besuch kam. Sie ist schon Jahre weg, wollte immer zurück, verherrlicht alles um das Johannes-Hospiz, betet Gregor an, war eine begnadete Schwester, allerdings mit Hang zur Nekrophilie mit entsprechender Erotiknote. Da saß sie nun mit ihrem enormen Sitzfleisch – ich glaubte, Renate nicht ganz allein damit sitzenlassen zu können. Als Monika in ihrer über-eindringlichen Art nach meinem Befinden fragte und mir dann die Schönheit der Welt erklärte, meinen Blick auf Blüte und Himmel richtend, den Schwachsinn beging, von ihrer Therapeutin zu faseln, die Spaziergänge empfiehlt (hat irgendein Hohlkopp auf der Welt davon noch nichts gehört?) und mit eingemeißeltem Dauerlächeln nicht tat, was ich als einiziges will und überhaupt jedem Menschen wünsche, nämlich dass Leid gewürdigt und nicht umgedeutet und weichgespült wird, da konnte sie froh sein, dass ich sie nicht erwürgt habe. Stattdessen bin ich versteinert und habe nicht einmal anstandshalber zurück gelächelt.
Gerade, wo es Dir nicht so gut geht, zudem Deinen Urlaub gecancelt hast, kommt da Eine daher, die deine Nerven strapaziert. Du bräuchtest es sicher dringend, mit Deinem Befinden in Ruhe gelassen zu werden anstatt Dir etwas anzuhören, was Dich nur nervt.
Ach Heike, wie wäre es mit Spazieren gehen? Spaß beiseite, ich kann dich verstehen. Es ist schon fast ein Reflex, Trost spenden zu wollen und irgend welche Tipps zu geben anstatt das Leid einfach stehen zu lassen.
Deine Schilderung von Tangamonika ist, trotz allem was dich wahnsinnig an ihr macht, lustig. Ich weiß wie du zu guten Ratschlägen stehst. Kirschblüte und dazu der Rat von ihrer Therapeutin. Wenn Herr Linnemann wieder da ist, kannst du hoffentlich Urlaub nehmen.