29-04-29-CoTaBu-Inneres Beben im Guten + im Schweren in 451 Worten

Denkwürdigkeiten der letzten Tage, schwerlich in Kürze darzustellen. Ein Termin mit einem Patienten mit einer Progressiven Supranukleären Blickparese (PSP), einer unheilbaren neuregenerativen Erkrankung; extrem schwierig in der Kommunikation und jetzt schon mit Pflegegrad 5, mit seiner beeindruckenden Frau. Eine Kollegin, die dort in einem zweiten beruflichen Standbein dreimal im Monat zur Pflege hingeht (innerhalb eines nahtlosen, hochprofessionellen Helfersystems) wusste davon, wartete schon, lungerte und lauerte aus meiner Sicht herum, um dann beim Gespräch „nur zur Unterstützung, zur Sicherheit dabei zu sein“. Außerdem wollte sie hinterher das Haus zeigen, „falls ich mit der Ehefrau dann noch ein paar Takte allein sprechen wolle.“ Nach kurzem Stutzen lehnte ich das ab, v.a. das mit der Frau hinterher unter vier Augen Reden. Das kennen wir alle. „Kann ich Sie nochmal kurz allein sprechen?“ Intensivstgespräch, tief und berührend. Was mich ein wenig stolz gemacht hat: Am Ende schien es, der Patient wollte noch etwas „sagen“. Bewegte minimal seine Finger. Seine Frau riet und machte Vorschläge. Dann habe ich gefragt: „Darf ich interpretieren?“ Ja bitte: Die Finger sagen: Wir sind zusammengekommen (Zeigefinger parallel), wir haben uns gefunden (Fingerspitzen zueinander), jetzt ist das Band geknüpft (Finger gekreuzt). Da dreht er seine Hände – beide Daumen hoch. Ein bisschen sind uns Dreien die Tränen gekommen. Ich holte dann Andrea, damit sie noch ihren Einsatz bekam. Sie kam rein, fuchtelte nah vor seinen Augen rum und rief „hallo Hans“, wahrscheinlich, um mir zu zeigen, wie’s geht. – Gestern dann ein Termin mit der Ehefrau eines – schon wieder! – Hirntumorpatienten, Jahrgang 1967. Sowas von taff, auf „Fakten“  aus, biochemische Studien (sie selbst ist von diesem Fach) …und am Ende: Nein, also in ihr Wohnzimmer kommt kein Pflegebett (der Mann, Architekt, hat eben den vierstöckigen Familientraum verwirklicht!), überhaupt die Treppen, und wer soll ihn dann wohl pflegen, sie? Nein, wirklich nicht! Sie hat ’nen Job, sie hat das Kind…Ich habe alle Professionalität gebraucht um ganz sachlich: 1. Kontakt zu unseren Superonkologen herzustellen (zwecks Studien), 2. zu verdeutlichen, dass wir das nicht wie eine mathematische Wahrscheinlichkeitsgleichung vorausberechnen können und 3. ein Verbleib zu Hause oder in einer Einrichtung nicht ohne das Vortum des Patienten selbst besprochen werden kann, denn die ungewisse Komponente möglichen Heimwehs, ein seelisches Leid, das jede körperliche Qual in den Schatten stellen kann, sollte nicht ohne ihn gedacht werden. Abgesehen von allen anderen Unwägbarkeiten und dem Verlauf. – Hinterher musste Sonja mich kurz ausstreichen und spürte dann die Elektizität am eigenen Leib. Es war, als hätte ich stellvertretend alle Gefühle übernommen, die diese Frau weder fühlen noch denken kann und als müsste ich am Ende implodieren. Eine sanftmütige Cousine saß dabei und übte sich in Toleranz. – Der gestrige Tag insgesamt hat mir viel abgefordert, sodass ich froh bin über die WE-Pause. Heute versucht Gregor den ersten Einsatz.

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Beim Lesen deiner einfühlsamen Interpretation sind mir auch die Tränen gekommen. Es ist ein solches Geschenk, wenn man verstanden wird. Und dann das Kontrastprogramm mit der engagierten aber wenig einfühlsamen Andrea. Du bist jetzt noch mal richtig in deinem Können gefordert. Die Gespräche sind sehr intensiv und greifen ins Innerste.

  2. Beate sagt:

    Ich war auch so sehr berührt von deiner Begegnung mit dem Patienten. Du bist im Laufe deines Wirkens in Dimensionen vorgedrungen, hast eine Professionalität entwickelt, mit der Du sicher fast alleine stehst. Kaum jemand kommt da hin, an den Rand des Lebens, wo Verständigung schwer wird. Und es geht vor allem um Einfühlsamkeit, verstehen ohne Betulichkeit ich bewundere Dich sehr dafür

  3. Renate sagt:

    Ein Segen für diesen Patienten und seine Frau, dass du das Gespräch geführt hast, mit Verständnis, Empathie und der einfühlsamen Deutung, was seine Finger aussagten. Dann der Auftritt von Andrea. Schrecklich!
    Ich bewundere dein dich Zurücknehmen, bei der Frau des Architekten, obwohl ich weiß dass es zu deiner Professionalität gehört… trotzdem, eine große Leistung.

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