22-06-05-Blasenentzündung – Crash – Annas Hotel Savoy + sterbende Mütter, die nicht sterben

Die Woche stand unter dem Zeichen eines heftigen Konflikts mit Sonja; drastischen Vorfällen mit Anni, die ich erst heute wieder – so Gott will – besuchen werde; (Nachtrag: sie wurde nach Mitternacht nach Sturz mit Armbruch ins Rotkreuzkrankenhaus gebracht, die Nachricht für Michael ungehört auf einem ungenutzen Handy; niemand hatte Palliativanweisungen, die alle obenauf liegen müssten, incl. der Erklärung, NICHT ins Krankenhaus zu wollen, mitgegeben. Gutes Gespräch mit dem Chefarzt, nachdem ich uns Zugang zur Notaufnahme verschafft habe. Ich komme gerade ziemlich k.o. mit Michael zurück. Wir lassen sie unoperiert zurückbringen. – Eine Blasenentzündung von krasser Heftigkeit zwang mich vorher zwei Tage ins Bett, weil mir ständig kalt war und ich Tag und Nacht Schmerzen hatte; Lesen und pausenlos Trinken war die Beschäftigung, Antibiotika will ich (noch) unbedingt vermeiden; einem todlangweiligen Hospiztag, belastet durch die dicke Luft, einem überarbeitsreichen, in diesem Zusammenhang hilfreich. Der Abreise von Anna, diesem zauberhaften Wesen, mit der es Gespräche ganz nach meinem Geschmack gibt! Dem Lesen ihrer faszinierenden polnisch-englischen Broschüre zum Projekt „Hotel Savoy“, die ich jetzt Stück für Stück übersetze (viele Karteikärtchen) und dabei gepflegtestes Englisch wiederbelebe. Zwingend war infolgedessen Joseph Roths „Hotel Savoy“, als „Neue Sachlichkeit“ eingeordnet – er selbst revidiert das. Falls ich nicht aus Larnet-Holenias kürzlich genossener Novelle „Baron Bagge“ eine Kostprobe mitbringe wird es eine aus Hotel Savoy sein. Durch diese Lektüren komme ich Anna bzw. ihrer Heimatstadt Lodz nahe. Weil ich um meine Berlinreise (Donnerstag bis Sonntag) bange, die ich auf einen Besuch des Pantomimetheaters Familie Flöz ausgerichtet habe, sind jetzt die Karten auf dem Weg nach Berlin. Wir wissen einfach nicht, ob es mit Anni noch zehn Jahre oder ob es zu Ende geht. Sie stirbt – falls sie das tut – so ganz anders als die vielen Schwerkranken, die ich gesehen habe. Währendessen wurde Fabian zu Omama gerufen, schickte ein Bild von sich (strahlend) neben der („sterbenden“?) Omama, die niemals ihr Konterfei unfrisiert mit offenem Mund in die Welt geschickt hätte. Aber auch er ist sich nicht so sicher und er hat ja nun wirklich einen siebten Sinn! Gestern habe sie sich morgens gleichmal in den Stuhl gesetzt und als erstes nach mir gefragt. Heute sehen wir uns, Fabian und ich oder wir. Hoffentlich geht es gut. Versuche mich wieder mal im Automatischen Zeichnen: Suchbewegung infolge Trauer ums tägliche Schreiben.

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3 Antworten

  1. Ines sagt:

    Ich muss deine Beiträge immer mehrmals lesen, um die ganze Fülle aufzunehmen. Deine sich entwickelnde Beziehung mit Anna hört sich so liebevoll an. Es ist sicher auch für Jakob sehr schön, wenn du seine Freundin so schätzt. Dass manche sich so unglaublich viel Zeit mit dem Sterben lassen und Urmila so von heute auf morgen gegangen ist, das ist schon sehr rätselhaft. Unglaublich, dass das Heim von Anni so kläglich versagt, wenn es um diese entscheidenden Wünsche ihrer Bewohner geht. Ihr würde ihr die Erlösung des Todes wünschen, aber du solltest wenigstens noch nach Berlin fahren können. Scheinbar konntest du die Blasenentzündung mit deinen Hausmitteln bekämpfen. Und was für ein Konflikt es wohl mit Sonja gibt? Ihr hattet euch doch gerade ganz gut verstanden, insb. in der Coronaphase.

  2. Beate sagt:

    Wenn ich von Anni und Omama lese, kommt mir unwillkürlich der Ausspruch von der Nachbarin meiner Eltern in den Sinn: „Die lassen dich heutzutage nicht mehr sterben!“. Wie gut, dass die eine zuhause ist, die andere aus dem Krankenhaus geholt werden konnte. Deine Blasenentzündung klingt nicht gut. Vielleicht ist die Berlinfahrt deshalb auch gar keine so gute Idee? ich hatte einen Liebhaber, mit dem ich mir den gesammelten Joseph Roth abendelang gegenseitig vorgelesen habe. Heute ist „Die Legende vom heiligen Trinker“ eine letzte Erinnerung in meinem Bücherregal, mit einer lasziven Hymne auf unser exzessives Liebesleben im Einband

  3. Renate sagt:

    Wofür das eine solche Erklärung taugt, wenn sie nicht beachtet wird? Was würden in so einem Fall Menschen tun, die nicht über Wissen und Wortgewandtheit verfügen? Operation in dem hohen Alter.
    Schon wieder eine Blasenentzündung, kein Wunder bei diesem Stress. Hoffe das Antibiotika bleibt dir weiter erspart.

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