2022-06-12-Es ist vollbracht: Erlösung und unsägliche Erschöpfung

Ich versuche, zu skizzieren. Heute früh um 7:45 im Hospiz mit den Bestattern verabredet. Ich wollte dabei sein, wenn Anni eingesargt wurde. Gestern früh Nachricht vom Nachtdienst, dass alles irgendwie stabil sei; fünf Minuten später Anruf, die Atmung hatte sich verändert. Ich schon am Warten auf Michael, der mit Semmeln kommen wollte und beim Testen war. Fünf Minuten später: Es war vollbracht. Ab Mittwoch – per Notaufnahme nach Totalversagen des gesamten Systems – war Anni im Hospiz. Sämtliche SAPV–Teams hatten Wartezeiten. Nur das „eigene“ der BB, mit denen ich schon jahrzehntelang im Clinch liege, hat mich ca 20 Stunden auf die ANTWORT warten lassen. Überhaupt sei Anni ja keine Palliativpatientin und um Schmerzen gehe es auch nicht. „Was so ein dementer Mensch braucht, das ist Ruhe“. Und die sollte ich erstmal einkehren lassen. Den Hausarzt, der morgens die Idee einer SAPV-Beteiligung begrüßte, brachte man wohl dazu, alles als unnötig anzusehen, also nicht zu verordnen. Zu dieser Zeit war bereits das halbe Marienstift zusammengelaufen. Anni hatte auf Montag den Sturz mit Armbruch, auf Dienstag einen erneuten Sturz in eine Glasscheibe. Dann Bluterbrechen. Dienstag war ihr Geburtstag, da ging es unter gellenden Schmerzensschreien in einer Art Tragetuch und Rollstuhl in die Pflegeabteilung, aus der sie in derselben Nacht weiterverlegt wurde in eine Art Abstellkammer. Aus der sollte sie dann in ein Zimmer, in dem augenblichlich noch jemand lag. Dorthin sollte sie dann sporadisch wechselnde Zimmergenossinnen bekommen. Die neuen Schwestern sagten, sie könnten sie weder anfassen noch pflegen, es müsse etwas geschehen. Nachdem ich gehört hatte, „was demente Menschen brauchen und dass sie keine Schmerzen habe“ (von Frau Dr. Höke, die sie noch nie gesehen hat und nur meine vielen Unterlagen zur Einsicht hatte) und dem Hausarzt, der vor 10 Wochen das letzte Mal da war. Da endlich konnte ich Gregors vehemente Aufforderung (seit Wochen) annehmen, sie auf der Stelle aufzunehmen: Sanka bestellt, der sollte drei Stunden dauern und kam dann innerhalb von 1,5, Stunden. Die Sankafahrer riefen den Notarzt, weil sie sich weigern wollten, jemanden unter unmenschlichen Schmerzen zu transportieren, der Notarzt, ein an die 30-jähriger Grünschnabel, spritzte auch nichts, dachte vielleicht wie Frau Dr. Höke, dass alle alten dementen Frauen schreien; das Heim sagte, solch infernalische Schmerzen hätten sie noch nie erlebt, der Pflegedienstleiter bedankte sich, dass ich mich da „jetzt so reinhänge“. Die Heimleitung hatte nach wie vor gesagt, ja klar können sie das. Michael sagt, er wird nie im Leben die Schmerzensschreie seiner Mutter vergessen, ich habe die auch noch im Hospiz stundenlang gehört. Was mich nicht schlafen lässt und sehr viel Tavor kostet ist die Ohnmacht und Hilflosigkeit, trotz Kenntnis des Systems und der Beteiligten, wenn zwei oder drei Ärzte – unfehlbar wie Päpste – sich ein Bild (im Kopf) gemacht haben und ich dann mit meiner 18-jährigen Erfahrung machtlos dastehe. Anni hat jetzt über Tage sukzessive immer hörere Schmerz- und Betäubungsmittel bekommen, schrie und stöhnte weiter, wenn sie zum Frischmachen bewegt werden musste, hatte trotz Fentynyl wohl zwei Monate lang keine Anführmaßnahmen bekommen, also Darmverschlss mit Koterbrechen, rasender Übelkeit und Schmerzen, die Geburtswehen vergleichbar sind. Ich war tagelang teilweise 7-8 Stunden im Hospiz. Ich übernehme auch einiges an Vertretung, was Michael nicht in dem Ausmaß packt. Habe Trauerinstitute kontaktiert (Aetas diesmal ein Griff ins Klo; dann sehr glücklich mit der Städtischen, die sonst als das Letzte gilt), war gerade schonmal ein bisschen im Heim mit ihm räumen und ja: Es ist diese unendliche Erleichterung, aber auch Trauer, die ja immer auch anderes antriggert (auch bei Jakob), wahnsinnige Dankbarkeit für die Fürsorge und Kompetenz der fantastischen Kolleginnen und ein absolut abgehobener Zustand. Berlin zu stoppen war ja von Anfang der Woche an klar. Dass der liebe Gott uns jetzt diese freien Tage schenkt und wir ganz viel Zeit haben, das ist ein Glück. Einen Leidensweg dieses Ausmaßes habe ich bisher noch nicht gesehen. Das Versprechen auf Schmerzfreiheit und Würde mit Füßen getreten. Wie wir das wieder loswerden wollen weiß ich nicht. Nie im Leben habe ich Michael so weinen und mitleiden sehen. Als ich gesagt habe, wir holen sie JETZT SOFORT ins Hospiz, da sind ihm am Telefon vollkommen die Nerven durchgegangen. Um ihn nicht bis zum vollkommenen Aus zu führen habe ich mich jetzt ein wenig übernommen und bin übervoll mit Todesnähe. Und komisch. Klar mochte ich Anni und wir haben sie sieben Jahre „bei Michael“ gehabt, das war ja auch eine gemeinsame Entscheidung. Dass aber der Tod der Schwiegermutter mich so zerlegen könnte, das überrascht mich. Es ist doch offenbar so, dass da mehrere Tode zusammenfließen zu dem einen; dass alle Stirnen des Lebens, die ich je gestreichelt habe, in der einen zusammenfließen. So fiel mir dann auch der Satz zu: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder – oder Schwestern – getan habt, das habt ihr mir getan:“ Mt.25 – Eigentlich lag Omama im Sterben, auch eine alte Ostpreußin. Jetzt hatte Anni den Vortritt. Am Sterbebett Josefs DA BIN ICH aufgestellt, um den Allerhöchsten dabei zu haben und ihm die Tür zu öffnen; schöne Musik; zwei halbautomatische Zeichnungen von der sterbenden Anni angefertigt. Ganz verrückt: Dort brauchte ich nichts, die lieben Kolleginnen fragten ja oft, ob sie mir was Gutes tun können. Ich habe nichts gebraucht, wunschlos glücklich, irgendwie auch euphorisiert. Kaum aber war ich nach dreiviertel Tagen draußen, trugen mich meine Beine kaum mehr. Wir beide sind wahnssinnserschöpft. Jakob sehr bewegt. Da steht Vieles gleichzeitig im Raum.

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3 Antworten

  1. Ines sagt:

    So viel Schmerz, Emotion und Erschöpfung und was für ein langer und quälender Leidensweg, den ihr begleitet habt. Dass Anni die letzten Tage im Hospiz sein konnte, ist ein Segen.

  2. Renate sagt:

    So konnte Anni in Ruhe sterben, nach diesem unseligen Rumgeschiebe im Altersheim. Ich bin für sie, aber auch für Michael und für dich froh, dass sie an diesem Ort gehen konnte.

  3. Beate sagt:

    Es ist erschütternd, wie qualvoll ihre letzten Tage waren- auch für Dich und Michael. In der Geborgenheit vom Hospiz konntet ihr Abschied nehmen. Wahrlich ein Segen

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