22-08-19-Heute Eva! – Nachklang zur Fraueninsel und Albträume

Heute wird Eva beerdigt, Michaels jahrzehntelange Freundin. Sie, die lebenlustigste und kontaktfreudigste Frau, die ich kannte, mit ihrem offenen Haus in Söcking, hatte sich wegen ihrer Lungenfibrose schon die beiden Coronajahre nach ihren letzten Reisen durch Persien und Japan abschotten müssen. Es war klar, Corona wäre ihr Ende. Schon die ganze Zeit mit Sauerstoff lag sie zuletzt im künstlichen Koma, einzige Rettung: eine neue Lunge. Diese kam, die OP gelang, sie war schon von Intensiv weg, konnte herumlaufen – die Familie voller Optimismus. Dann brach der Kreislauf zusammen und es war von einem Moment zum anderen vorbei.

Ich bin von wahnsinnigsten Albträumen erwacht. Ein letzter im Halbschlaf: Die Beerdigung ist so überlaufen – was durchaus vorstellbar ist – dass wir bzw. viele gar nicht auf den Friedhof passen.

Anderer Albtraum: mit Michael und evtl. Jakob in Berlin mit einer Gruppe. Auch dort ist der Tisch schon voll, ich gehe woanders hin, mein Kleid hängt irgendwie oben. Ich wollte noch Haare schneiden, dann verlaufe ich mich aber in einem Monstergebäude mit tausend Event- und Feiermöglichkeiten derart orientierungs- und rettungslos, vollkommen verloren. Whatsapp funktioniert nicht, ich weiß Michaels Handynummer nicht, der Akku neigt sich den Ende zu. Tanz auf dem Vulkan, dieses Zerrbild absurder Vergnügungssucht.

Nach der Chiemseewoche, die mir gutgetan hat, innerlich die Frage: Was habe ich eigentlich mitgenommen von diesem Kurs zur Befreiung der inneren Stimme? Immerhin eine neue Beziehung zu meinem Gedicht und eine besondere Erfahrung mit einer tollen Gruppe! Dazu diese Natur, nach der ich immer mehr Sehnsucht kriege, das frühmorgendliche Schwimmen, eine nette Bekanntschaft mit guten Gesprächen mit einer Schulpsychologin, die seit 2021 im Ruhestand ist. Gestern und vorgestern hier jeweils um kurz nach 6:00 schwimmen gegangen, heute nicht, wegen schlechter Wetterprognose.

Ansonsten – wie es nicht anders sein kann – geräumt. Nehme ich mir auch nur die kleinste Parzelle vor: Es artet aus. Gestern einen überquellenden Behälter mit Post und anderen wichtigen Dingen ausgeleert und gesichtet. Geordnet nach schönen Motiven und/oder wichtigen oder bedeutungsloseren Mitteilungen, viel Papiermüll, aber auch neue Schachteln eröffnet. Schon wieder viele Bücher weggebracht. So wird und muss das weitergehen auf unabsehbare Zeit. Das überaus Angenehme daran: das nicht unterbrechen zu müssen ab Montag, sondern dranbleiben zu können. Michael sagte mal bzgl. Fertigwerden: Wenn man fertig ist, dann könnte man auch sterben. Dagi langweilt sich schon. Sie ist ohnehin sehr ordentlich, hat alles aufgeräumt, neue Buchprojekte werden nicht von ihr angefragt, die Lesereisen haben abgenommen und es ist alles erledigt. Da wird das Leben schwer. Renate hat sie ja kennengelernt. Jetzt hat sie Michaels wunderbaren, künstlerischen Entwurf für Annis Grabstätte derart taktlos und verletztend runtergemacht, dass es ihm gereicht hat. Ich wundere mich schon jahrelang, was er mit ihr alles toleriert. Das könnte jetzt zu einem – für meine Begriffe längst überfälligen – Zerwürfnis führen. Mir scheint, sie verliert langsam nicht nur den Verstand, sondern jedes Gefühl. Es könnte, abgesehen von ihrem Charakter, auch hirnorganisch sein.

Am WE kommen Jakob und Anna, auch Fabian hat sich angekündigt, was aber nichts heißt. Zusammen kann das kaum klappen, aber wer weiß.

Ich bin so quälend zerstochen, dass ich gerade zu Kortison gegriffen habe. Nicht vom Chiemsee, dort hatte ich nur einen einzigen Stich, sondern von hier.

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3 Antworten

  1. Renate sagt:

    Der letzte Satz in deinem Text könnte von mir sein. Wie Michael dieses chronische Abwerten seiner Cousine jahrelang ertragen hat, ist ungewöhnlich. Ich empfand es auf der Beerdigung schon so nervig. Hat anscheinend Methode und hat sich verselbständigt, so dass sie gar nicht mehr anders kann.
    Lasse dir viel Zeit mit dem Fertigwerden.

  2. Ines sagt:

    Deine Chiemsee-Woche bewertest du ausschließlich positiv, hab ich nach mehrmaligem Lesen festgestellt. Die Natur, das Schwimmen, die Menschen. Das hört gut an. Auch dass du so eifrig räumst, liest sich für mich gut. Ich finde es ja selber sehr befriedigend aufzuräumen und auszumisten. Dass irgendwann einmal alles aufgeräumt ist, glaube ich nicht, weil ja immer wieder was dazu kommt und sei es nur Wäsche, Einkauf, Kochen und Abwasch. Damit ist man doch nie fertig.

  3. Beate sagt:

    Ich hab mir schon oft gedacht: Wenn ich nicht mehr arbeiten werde, schaue ich alle meine Bücher, Kleider und sonstige Sachen durch, oder sie neu und schmeisse das meiste weg. So ein Unsinn, was da alles gesammelt rumliegt. Ausmisten ist die Befreiung schlechthin, die Belohnung ein neuer Überblick. Von Deiner Zeit am Chiemsee zu lesen war schön! ich bin auch so gerne da.

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