22-09-04-Von Erfurter Blau über die Halligen: Glückliche Tage mit Michi, bei Gertrud und heutigem Labsal

Sechs Tage und ich komme wie aus einer anderen Welt. Selbst Erfurt mit Shakespeare in der Barfüßerruine, den Türinger Klößen, all den Eindrücken über Spätgotik, Rennaissance (wohlgemerkt gesprochen wie Gang, lang…), des allgegenwärtigen Wassers der Gera, der Geschichte über das Erfurter BLAU, des leider saublöden Kabaretts, zugunden dessen wir ein Klezmer-Konzert anlässlich des Schatzfundes von Erfurt verpasst haben, ist in weite Ferne gerückt.

Jetzt lebt in mir das Grunzen und Schmatzen von Uschi, Gertruds rudernde Arme beim Schleppen von Eimern und Leitern, ihre im Gegensatz zu ihrem burschikosen Auftreten filigrane, verspielte Kunst, ich höre ihre Geschichten, auch über die geflüchteten und traumatisierten Jesidinnen, mit denen sie zuletzt gearbeitet hat, werde gewärtig, dass sie selber eigentlich nicht zuhört, dagegen ihr sehr aufgeschlossener, lustiger Mann, der intelllektuelle Bauer, der schonmal Therapie gemacht hat und über Depression spricht, schöne Hände hat und uns fragt, wann wir wiederkommen. Er war das Zugpferd beim Schwimmen, der mir gesagt hat, wie man dort worauf achten muss, um nicht abgetrieben zu werden. Die Pferde auf der Weide, die Schafkarawanen auf dem Deich, Sonnenuntergänge, aufsteigender Halbmond, Barfußwanderungen im morgendlichen Watt und Schwimmen bei Flut am Abend, Feuerchen auf dem riesigen Hof, Michaels Akkordeonspiel unterm Sternenzelt, gemeinsame Stunden mit Gertrud und Hans-Walter, der schon zweimal angerufen hat, er vermisse uns, einmal mit einem befreundeten Paar (wie bei Ines!) – mit der Frau war es für mich Liebe auf den ersten Blick, wir haben geredet, als kennten wir uns seit zwanzig Jahren – Nolde in seinem Paradies mit der halb untern Teppich gekehrten Vergangenheit als glühender Nazi und Antisemit, sein wundervoller Garten und dann der Trampelpfad bei flirrender Hitze über moorigen Boden zu (s)einem kleinen See, an dem kein einziger Mensch badete oder auch nur saß. Sanfter Wind, Sonnenschein, alles an der Nordsee so, wie es mir nie vorher erschien, kein Noldehimmel, aber doch ein sehr schöner wolkiger lieblicher Sommerhimmel. Wunderschöne Wohnung für uns, in der man sich sicher auch in rauhen  Wintertagen sehr gut aufhalten kann. Eigene Lektüre kam gar nicht zum Zuge. Dafür habe ich das zwar miserable, aber informative Buch einer damals jungen Münchnerin mitgebracht, die als 25-Jährige auf die Hallig Horge gezogen ist und heute dort Bürgermeisterin ist. Zu den Halligen konnte man rübergucken, aber für Ausflüge dorthin, nach Dänemark, Sylt oder sonstwas war gar keine Zeit. Außerdem die Geschichte gelesen, wie es Gertrud dorthin verschlug, wie sie sich kennen gelernt haben. Die hat sie einmal eingereicht und „gewonnen“, sodass sie in einer Anthologie veröffentlicht wurde. Dolles Wiedersehen, sehr herzlich. Ich weiß nur nicht, ob sie das schon immer hatte: dass sie eigentlich hauptsächlich das Eigene erzählt. Auf mein Sinnieren darüber bzw. meine Sehnsucht nach dem „Vollkommenen“ sagte mir Michael, das könne er mir ganz einfach sagen. Das gebe es nicht.

Gestern sehr spät heimgekommen, weil wir die Erfahrung endloser Staus umgehen wollten und über Land gezuckelt sind. Die reichlich mitgebrachten Zwetschgen hat Michael verarbeitet, den Sack Äpfel ich, u.a. zu einem Apfelkuchen. Beate hat mich zu einem späten Mittagessen eingeladen (Fleischklopse mit Soße, Kartoffel-Karottenstampf und Salat mit Melone, herrlich!). Zur Nachspeise gab es Tee und den Apfelkuchen. Die wunderbar abwechslungsreiche, erholsame Woche wurde durch ein besonderes Labsal mit echtem Alleinstellungsmerkmal gekrönt. Auf Beates Bett liegend kraulten wir uns gegenseitig die Füße und lasen Arthur Schnitzlers Novelle: „Später Ruhm“ (Theodor Storms Halligfahrt war nicht vorrätig). Meine schon im Watt erwachten Füße lachen glücklich!

Übrigens bei den Emails eine weitere Anfrage von Dasein vorgefunden!

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2 Kommentare

  1. Renate sagt:

    Eure Reise in den Norden der Republik hast du sehr positiv beschrieben. Kann es sein, dass deine Reiselust durch diese Reise geweckt wird. Die Bilder der Wohnung habe ich mir im Internet angeschaut, sehr gemütlich. Gertrud hört nicht zu, doch wohl bei ihren Klientinnen.

  2. Ines sagt:

    Was hast du viel erlebt! Es hört sich an, als wenn es noch länger hätte dauern können. Fast als wärst du auf den Geschmack gekommen. Dass Menschen nicht gut zuhören, erlebe ich auch oft. Vielleicht umso stärker, je älter der Mensch wird.

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