22-10-16-Verwöhnung bei Sturzfolgen, Schmerzmitteln + Folterstiefel – Schreibworkshop trotzdem

Bis heute futtere ich mich mit Petras Brot und Kartoffeln und Renates Neulinger-Kuchen durch, morgen früh kommt Thomas mit Brezen und neuem Einkauf. Gregor ist verschoben, es fehlt mir an nichts, ich fühle mich verwöhnt. Schmerzmittel wirken bedingt. Wenn sie nachlassen und es unerträglich wird realisiere ich, dass sie doch ihren Zweck erfüllen. Am schlimmsten – wie mündlich erzählt – ist dieser martialische Stiefel bis zum Knie, der einschneidet, drückt, die Haut beschädigt. Wenn ich ihn lockere, nur dann, kommt der Schmerz der eigentlichen Verletzung, der Fuß ist haltlos. Was unter dem Stiefel alles grün, blau und lila ist, scheinen mir Blutergüsse zu sein, u.a. durch ihn verursacht. Die Zehen sind schwarz. Michael war schon zweimal hier. Er fährt mit U- und Trambahn und braucht eine Stunde.

Um nicht noch einmal den halbjährlichen Aetasworkshop sausen zu lassen wie letztes Mal Corona-bedingt, habe ich jetzt zwar meine feste Gruppe für morgen, nicht aber den Einführungsvormittag für „die Neuen“ abgesagt, was mich im Vorfeld wahnsinnig gestresst und im Nachhinein viel Kraft gekostet hat. Es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schaffen erwies sich als utopisch – alles dauert ewig –  also doch ein Taxi bestellt. Der Vormittag ging – mit ausreichend IBU 600 – erstaunlich gut über die Bühne, obwohl ich den Fuß nicht hochlegen konnte – ich hätte das grobe Werkzeug den Teilnehmerinnen regelrecht ins Gesicht gestreckt.  Eine feinfühlige, tiefsinnige Gruppe. Es war Trauer dabei (um Baby; um Lebensmenschen), aber auch das Thema Natur und: das Alter. Ausgeprägt störend war eine kracherte „Biografieschreiberin“, die sämtliche ehernen Regeln unterlief. Sie nutzte jede Gelegenheit, von sich zu sprechen, missachtete, dass wir bitte schreib-lesend kommunizieren, kommentierte Texte trotz eindringlicher Ansage, nicht zu bewerten („das könntest du gleich veröffentlichen“), legte bei der abgrundtief herzzerbrechenden, diskreten textlichen Verarbeitung der jungen Mutter (in einer kurzen Pause) damit los, dass sie selber den Tod nicht fürchte, wie sie ihn sieht und wie es bei ihrem 76-jährigen Mann war, hielt sich rein „handwerklich“ an nichts, reihte klischeehafte Statements aneinander, wenn „poetisch, malerisch“ gefragt war und für mich: wie es bei ihrem Beinbruch war – insgesamt zum Kotzen und so, dass ich alles aufbieten musste, um sie nicht die Gruppe sprengen zu lassen. Gott sei Dank hat sie demnächst „wenig Zeit“ (ich hätte sie ohnehin nicht übernommen) und so ist jetzt meine Aufgabe, meine „alte“, aber noch nicht lang gewachsene, sich gerade wunderbar zusammengefundene Gruppe darauf einzustimmen, die Arme für einige bereichernde, wenn auch nicht einfache Neuzugänge zu öffnen. Wir werden zu groß werden. Wenn ich aber bedenke, dass manchmal ein, zwei oder drei fehlen, es vielleicht terminlich nicht immer zusammengeht, dann will ich es wagen. Eine Kollegin aus dem Hospiz – die ich noch nicht lange kenne – ist auch dabei – ein großer Gewinn. Ihr berührendes „Motiv“ fürs Schreibenwollen sprach mir aus der Seele.

Tage wie heute sind nicht für die gute Stube da. Michael wagt es – ob ich darüber „böse“ wäre?! – mit „Öffentlichen“ an den Feldmochinger See zu fahren und sich dort ein Weilchen auf eine Bank zu setzen. Ich beschränke mich auf Ausflüge in die Literatur. Seelisch einigermaßen im Lot, der Fokus aber ungut auf „das Eine“ gerichtet, das sich nicht ausblenden lässt und sich ohne Unterlass in den Vordergrund schiebt.

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Tapfere Heike. Diese kracherte Teinehmerin kann wirklich eine Gruppe kaputt machen und der Leitung den letzten Nerv rauben. Gut, dass du sie ablehnen kannst. Der goldene Herbsttag heute ist gemacht für einen Spaziergang durchs Laub. Wohl dem Gehbehinderten, der Ausflüge in die Literatur machen kann und darüber nicht allzu trübseelig wird.

  2. Renate sagt:

    Eigenartig, dass es immer wieder GruppenteilnehmerInnen gibt, die sich an keine Regeln und Vorgaben halten. Ich weiß nicht wie man da gestrickt sein muss. Öffentlich zum Feldmochinger See ist sehr ambitioniert. Ich würde mit deinem Fuß auch einen literarischen Ausflug bevorzugen.

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