22-11-20- Glimpflich davon gekommen: mit rettendem Proust auf der Stroke Unit
Sonntag, 13.11. Mitteilungsdrang bereits nach Einstellen des Wochentextes. Innerer Monolog will sich verewigen. Mir fällt beim Geburtstagskärtchen an Gregor auf, wiesehr unser 18-Jahre währender Gesprächsfluss versiegt ist. Radiosendungen über Marcel Proust. „Gelernt“, es sei verlorene Zeit, nicht „die Suche…“ zu lesen, es wenigstens häppchenweise zu probieren; gar aufzugeben, wenn die 30-seitige Passage über die schlaflose Nacht kommt, traum- und tranceartige Passagen. Mit Michael – vergrippt – auf Sonnenspaziergang zum Friedhof, Gingkoblätter sammeln; ich brauche sie fürs Schreiben.
Montags wunderbare Aetas-Schreibgruppe – ein Glücksfall. Meine Sorge, wir könnten zu elft sein, hinfällig. Irgendwer ist immer zur Reha, hat Akutzahnarzt oder Depression mit AusgehHemmung. Meine Kugel aus Spiegelscherben: die ultimative Mitte, ein Geschenk der Musiktherapeutin (Sommer in Armstorf).
Dienstag, Einkaufen mit Rucksack; ergebnislos Hausmeister hier wegen Gegensprechanlage, die nur noch am Faden hängt. Mir macht Sorge, dass mir ständig die rechte Seite einschläft, insbesondere die Gesichtshälfte. Die Physiotherapeutin heizt mir ein, das abklären zu lassen.
Mittwoch, Michael hat mich nicht erreicht und steht morgens in der Tür. Auch er lässt nicht locker. Bine angerufen, wie das bei ihr war „damals“. Zum Hausarzt. Hinter der Maske fand ich ihn diesmal viel netter, dabei war es ein anderer. Neurologisch untersucht. Sofort zum Hörer gegriffen und sich in Pasing mit einem Neurologen verbinden lassen. „Schicken oder nicht schicken?“ Wenige Minuten später lag ich zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit im Rettungswagen. Völlig unvorbereitet hatte ich in weiser Intuition Prousts „Auf der Suche…“ (und mein Handy-Ladekabel) eingesteckt. So reicht mein literarisches Leben einmal mehr in alles andere hinein und erweist sich als lebensrettende Ressource.
Aus der Notaufnahme wäre ich am liebsten wieder abgehauen, habe mich gleich mit einer Schwester angelegt, die über meinen Kopf hinweg geredet hat, als sei ich nicht da. Als sie sagte: „Warum kommt sie dann erst nach einer Woche!?“ habe ich gekeift, sie ist ein Mensch, sie kann sprechen, usw.; das hat sie mich dann spüren lassen in offenem Kampf über Stunden. Ein Horror, dieses Herumliegen, dieses Nichtbeachten schreiender Menschen. Schnell kam der freundliche Neurologe, mir wurde ein Zugang gelegt, CT sofort und dann wurde aufs Bett in der Stroke Unit gewartet. Auf Station alle sehr freundlich. Ich habe noch nirgendwo solch gute Organisation erlebt. Alles ging Schlag auf Schlag. Oft kamen Oberärztin und Stationsärztin, auch der Neurologe von „unten“ nochmal, der sich wegen meines „Lochs im Herzen“ vergewissern wollte. Verwechslung offenbar. Innerhalb kürzester Zeit (bis Freitag) wurde ich von einer Untersuchung zur nächsten geschoben und zurückgeholt. CT; 2 x MRT ohne und mit Kontrastmittel; Langzeit-EKG und noch ein anderes EKG; EEG; Hirnstöme von Händen und Füßen; Karotis, Schläfen und Nacken“fenster“ geultraschallt; Blutdruck andauernd; Schlaf-Apnoe-Untersuchung; eine Blasenentzündung wurde auch wieder festgestellt. Entlassen wurde ich – da man gottlob nichts gefunden hat – mit der Diagnose „subaktuter MRT-negativer Infarkt“ und soll den Rest meines Lebens ASS und irgendwas wegen Cholesterin nehmen. Das Blutdruckmittel gegenüber Schnurs Zeiten vervierfacht. In der Notaufnahme habe ich innerlich schon meine letzten Dinge geordnet. Sehr belastend war, dass ich völlig unausgerüstet kam. Michael konnte nicht mehr rein, am nächsten Tag hatte auch er – wieder zeitgleich! – einen MRT-Termin (Entwarnung!) und einen wegen seinem Fuß – dann lohnte es nicht mehr. Einmalzahnbürste und Stationskamm. Von der Nachbarin Zahnpasta ausgeliehen; Waschhandschuh aufgetrieben. In meinen Klamotten geschlafen. Die hygienischen Verhältnisse himmelschreiend, die schmutzigen Schüsseln und Waschlappen im Waschbecken, der blutige Urin der armen Nachbarin nicht runtergespült usw. (sie selbst schwerst Schlaganfall geschädigt und bettlägerig).
Viel über den Zustand unserer Gesellschaft und des Gesundheitswesens gelernt. Im Pflege- und Ärzteteam alle Nationalitäten vertreten; alle sprachen gebrochenes Deutsch miteinander (hat mich an USA erinnert). Am begabtesten erschienen mir zwei afrikanische Pfleger in ihrer menschlichen Wärme. Die Asiatinnen äußerlich lieb im Auftreten, gehen aber auf niemanden ein. Die Nachbarin (in kritischem Zustand) sagt: „Ich sterbe!“, die Schwester geistesabwesend „nein, nein“, liest weiter im Papier. Aussprache absolut unverständlich. Die osteuropäische Fraktion etwas rubuster. Kulturell am nächsten empfand ich in diesem Zusammenhang alle TürkInnen.
Auf dem Heimweg habe ich im Zustand relativer Verwahrlosung (gefühlt wie eine Stadtstreicherin) Nikolaus am Pasinger Bahnhof getroffen. Im nächsten Moment schon Arianes Sprachnachricht. Dringend nötigen Termin bei Helga und gründlich vorbereitetes, lukratives Seminar bei Dasein leider abgesagt. Jetzt muss ich das alles verarbeiten. Mit Proust. Michael und ich haben miteinander angestoßen. Diesmal mit einem blauen Auge davongekommen. Denkwürdige Auftakte in mein neues Leben „in Freiheit“!
Heike, was sind das für Nachrichten!!!! Notarzt, V. a. Infarkt, Krankenhaus und das alles noch mit deinem lädierten Fuß. Ich bin total sprachlos. Dann bist du ja jetzt wirklich auf „Herz und Nieren“ und noch viel mehr durchgecheckt worden. Und das alles ohne Nachthemd und Wechselklamotten. Gottlob ist nicht wirklich etwas Dramatisches gefunden worden, aber es gibt schon zu denken, dass das Leben unter Umständen plötzlich anders aussehen könnte. Und dabei betreibst du noch Studien über den Zustand des Gesundheitssystems mit Proust im Gepäck. Diese kulturellen Unterschiede, die dir bei den Ärztinnen und Pflegerinnen aufgefallen sind, erinnern mich sehr an die Multikulti-Familien im Kinderzentrum, mit denen ich selber anfange nur noch in gebrochenem Deutsch oder Englisch zu sprechen, damit sie mich verstehen.
nach unserem letzten Gespräch am Telefon war ich sehr beunruhigt und bin jetzt froh, dass Du gründlich untersucht wurdest und dass Du – abgesehen vom Medikamenten- Cocktail – mit keiner niederschmetternden Diagnose entlassen wurdest! Dass Du auch die Zustände im Krankenhaus, die Du dann vorgefunden hast, schon voraussehen konntest, hat wohl auch bewirkt, dass Du zeitlich später dran warst, zum Ort des Grauens aufzubrechen. Welch Zumutung, dass über den Kopf von Patientinnen und Patienten hinweg gesprochen wird, als wären sie ein Ding. Fängt das in unserem Alter schon an… Gut, dass Du wieder daheim bist, gut, dass die Lektüre von Proust Dich gerettet hat: das kann ich so gut verstehen. Gute Besserung, Heike!
Ich war geschockt schon alleine von der Überschrift deines Beitrages. Stroke Unit! Sofort Erinnerung an Lindas Einweisung wegen Verdacht auf Schlaganfall. Gott sei Dank hat sich bei dir auch nichts Gravierendes herausgestellt. Deine Klinikschilderung ist der Horror, was manche Schwester und die Hygiene betrifft. Die Diagnose, die du bekommen hast sagt mir nichts. Jetzt reicht aber mit Krankheit und Verletzung. Alles Gute für dich!