23-01-22 – Kummer in echt und literarisch trotz inspirierender Post, neue Krone + Peters 60. im Schnee

Am Sonntag noch bei Beate geblieben, schließlich von ihr heimchauffiert. Schreiben hat mir gut gefallen. Zevenaars müssen wir noch üben; uns klarwerden, welche Elemente dieses klassische Formgedicht verlangt. – Renates Büchlein über vier schillernde, weitgehend tragische Frauenleben durchgelesen – jedes vom Verlassenwerden (durch die Mütter) geprägt. Ich mag, wenn „Fakten“ sprechen, mit eigenen Tagebucheinträgen und Zitaten biografiert, weniger analysiert wird, (womöglich zur Untermauerung der Thesen der Autorin). Am eindrucksvollsten Renates Marilyn-Passage; aber auch über Schreibprozesse, Stimmen Alter egos oder Betäubungsmittel als Zugang zum eigenen Unterbewussten.

Meinen Traum zu erzählen war ein zweischneidiges Schwert. Mir ist bewusst, dass die Ringe nicht Realität sind. Beate nannte mir später meinen „Anteil“ – meinen Anspruch; Renate durch eigene Nähe zu Gregor hineingezogen; Ines durch eine parallele, (m.E.) aber andere Geschichte mit mir skeptisch. Ich bin aufgewühlt; an die mit Peters Freund nach seinem Tod „getriggert“, Freundschaftsversprechen auf ewig, damals sogar „übers irdische Leben hinaus“. Soviel stimmt überein: „Zusagen“ ausgesprochen großartig – nicht eingebildet; trügerisches Vertrautsein und der eigentliche Verlust (damals Peters Tod, jetzt berufliche Heimat) überlagert sich mit dem Wegbleiben des vermeintlichen Felsens. Damals war es ein beinahe Unbekannter, der uns in bodenloser Trauer aufgefangen und durch die ersten Tage getragen, die Kinder an sich gebunden und mich gewiegt hat. Diesmal ein gewachsenes Miteinander im beiderseitigen Bewusstsein unserer Stärken, Schwächen, Schattenseiten. Beide Männer haben charismatische Wirkung auf ihr Umfeld. Ich versuche, mein Verlassensein durch Abwertung abzumildern, um es nicht meinem Ungenügen anzulasten; mich nicht wie ein „dummes“ Kind zu fühlen, das sich Blaues vom Himmel lügen ließ. Darüber zu sprechen ist wie einst, als wir uns mit unglücklichen Verliebtheiten in Ohren lagen.

Kontinuierlich der innere Monolog, tagelang angekränkelt, in depressivem Schlummer. Ich kenne mich nicht gut genug um zu wissen, ob es gut für mich ist, „darüber“ zu sprechen. Was ist das Ziel? Will ich Mitgefühl? Bestätigung meiner Version (Verurteilung)? Erklärungen wären Mutmaßungen. Auf der Suche nach einem besänftigenden Satz. Immer mehr verfestigt sich seelisch die Überlappung mit „damals“. Wie kommt es – wiederholt – zu solchen Einflüsterungen? Ich mutmaße, dass sie nicht „gelogen“ sind, sich dennoch augenblicklich in Luft auflösen. Wer glaubt, dass sowas mit 65 Jahren noch zustoßen kann? Mit Fortschreiten der Woche nimmt das Gedankenkreisen etwas ab.

Wie als Gegengewicht für die innere Waagschale erreicht mich diese Woche ganz besondere Post. Gertrud kündigt ihren Besuch an, schickt ein packendes Buch („DRY“), das mich gefangen nimmt. Künstlerisch gestaltete Briefpost von einer Schreibgruppenfrau mit Klöppelspitze, vergilbtem handschriftlichem Sütterlineinsatz, gestanzter Lochborte, die ihr pergamentenes Papier umrahmt. Ein Brief von Claudia (Ex-Schulkameradin, mit der ich Tag 1 meines neuen Lebens gefeiert hatte) mit Gaben aus Buchheimmuseum und exquisitem Backwerk – französisch. Telefonat mit Dodo, zurück vom Ende der Welt. Ob ich in den Zug steigen kann, den Nachklang gemeinsam erleben? Ich kann nicht. Kann ich wirklich nicht? Wielange dauert Nachklang? Wer hätte gedacht, dass wir auf die alten Tage wieder zusammenkommen.

Am Montag Zahnarzt. Ich wusste nicht, dass eine Krone heute ein digitaler Vorgang ist und staunte, dass ich nach ausgiebiger Sitzung (Spritze, Herausmeißeln der alten, Abschleifen) ohne Provisorium eine Pause bei Michael verbringen und nachmittags mit fertiger Krone heimgehen konnte. Mit weher Visage in Michaels Garten Zweige zerkleinert. Dank Ritters zusätzlicher Taschen konnten wir dann – am Dienstag – eine Sperrmülltour incl. fünf Riesentaschen Gartenabfall per Stattauto (Isartor – umständlich!) tätigen. – Physio, Mittwoch, musste wieder abgebrochen werden wegen Kreislauf und Übelkeit nachdem ich – wegen Nackenstarre – wider besseres Wissen eine Voltaren ( + Magenschutz) eingenommen habe.

Inzwischen ging es, teils ohne mich – in der Hofenfelsstraße weiter. Ob wir Anna und Armin einweihen sollten, die gegenüber von Michael mit demnächst zwei kleinen Kindern in 1,5 Zimmern wohnen? Bloß keine falschen Hoffnungen säen! – Inspektion – 3-stündig – ohne Feindseligkeiten am Freitag über die Bühne gegangen; wie`s weitergeht erwartungsgemäß noch offen.

Während Ursula meine gut präparierte Wohnung putzt gehe ich zu Michael essen. So „wohl bestellt“ ist es bei ihm urgemütlich! Zusammen hinterher still konzentriert gezeichnet. Sonntag, also morgen: Fabian. Und Peters 60. Geburtstag. 32 Jahre hat er erreicht. – Es schneit und schneit.

 

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4 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Verstehe ich es richtig, dass die Familie mit den 2 Kindern von Gegenüber evt als Nachpächter der Pension in Frage kommen? Gut, dass die Inspektion mit der Besitzerin(?) scheinbar gut gelaufen ist. Bezüglich der Gregor-Geschichte bin ich nicht objektiv, aber ich bin mir sicher, dass eure Freundschaft auch für ihn etwas Besonderes war und er dir in den vielen Jahren, die ihr so eng wart, keinesfalls etwas vorgelogen hat. Deine Strategie auf Verlassenheit mit Abwertung und Verurteilung zu reagieren, kenn ich gut von Sören. Auch deshalb bin ich nicht objektiv. Erlaube der Psychologin in mir eine kleine Korrektur: Das Unterbewusste gibt es nicht, denn es ist das Unbewusste, von dem Freud sprach. Es ist nicht unterhalb des Bewusstseins, sondern ist nicht bewusst, also unbewusst.

    • Heike sagt:

      Kleine Korrektur meinerseits – in der Hypnotherapie kommen beide Begriffe zum Zuge: Das Unterbewusste und das Unbewusste, vielleicht auch nur bei Herrn Loth?! In meiner Deutungswelt gibt es da feine Unterschiede, auch wenn ich sie mir nur zusammenreime.

  2. Renate sagt:

    Das Meiste deines Textes haben wir telefonisch besprochen. Was heißt Armin und Anna einweihen? Hätten sie Interesse an der Pension?

    • Heike sagt:

      Da die Frage zweimal auftaucht: Keine Ahnung! Aber für mich liegt nahe – auch wenn sie davon gar nichts wissen, den Gedanken nicht auszuschließen, dass sie räumlich aus allen Nähten platzen und es nicht abwegig wäre, sie einmal darauf anzusprechen. Sie können ja schlecht Interesse anmelden, wenn sie gar nicht wissen, dass Michaels Zeit dort endlich ist. In meinem Kopf könnten sie Hoch- und Tiefparterre für sich nehmen (insgesamt 4 Zimmer) und den Rest weiter an die Leute vermieten, die eh schon drin sind incl. dass sie sich um das Haus kümmern. Falls die Verpächter sich in diese Richtung entscheiden wäre es m.E. eine Achtlosigkeit, nicht wenigstens einmal bei ihnen diesbezüglich anzuklopfen. Ich weiß nichts davon, dass sie suchen, aber ich kann es mir nicht anders vorstellen. Und klar, eine Pension ist wahrscheinlich kaum das, wovon sie träumen. Aber mit Mietern wäre immerhin ein Haus mit Garten bezahlbar, das – wie wir in der Nachbarschaft hören – zu teilweise über 4000€ vermietet wird.

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