23-05-27- Brandauer – Misstöne im Alt – räum-müde – Fabian + Maiandacht

Shakespeares und Mendelssohns Sommernachtstraum – Isarphilharmonie mit Michael und Beate – ein ergreifender, unwiederbringlicher Kunstgenuss. Der altersgebeugte Brandauer las staunend, sinnierend; zunehmend ergriff die Rolle von ihm Besitz. So wurde aus Lesung „Spiel“. Mal hielt das Orchester inne, mal unterstrich es die Worte zart. Dirigent und Schauspieler fein abgestimmt, teilweise wie improvisiert. Zwitschernd sphärische Klänge gipfelten in Elfenchören.

Diejenige, die lange wegen ihrer „kräftigen“ Stimme im Alt vermisst wurde, ist zurück. Ihr Mann war letzte Woche gestorben. Sie braucht den Chor, verständlich; dominiert auf Siebenbürgisch die Szene. Stimmsicher meistert sie rhythmisch anspruchsvolle Stellen und Tonartwechsel – leider plärrend laut – sodass ich mich selber nicht mehr höre. Sie klatscht und klopft energisch mit hartem Fingernagel den Takt. Ist die Chorleiterin nicht genervt? Lässt man sie aufgrund ihrer Ausnahmesituation gewähren? Trauernde können ja mit absonderlichen Verhaltensweisen brüskieren. Diese singt schonmal ein ganzes Lied allein durch, wenn gerade in den Noten geblättert wird. Wenn das so bleibt ist meine beste Zeit im Chor vorbei. – Unterwegs begegnet mir die Welt, wie sie jetzt ist – grässliche Eindrücke im öffentlichen Verkehr. – In der Borstei wieder einer „ehemaligen Mutter“ begegnet, deren Sohn Simons Schulkamerad war, deren Mann 2021 im Johannes-Hospiz gestorben ist. Sie erkundigte sich nach Schreibgruppen und packte, wie manch eine, sämtliche Lebenslasten zur Begründung für ihr Interesse aus.

Räumend durchstreife ich in die Vergangenheit. Das erschöpft mich zutiefst. Wenn ich z.B. Ordner mit Fotos nicht nur von Zimmer zu Zimmer schleppen, sondern reduzieren will, muss ich sie durchsehen, alles ablösen, ein für alle Formate geeignetes Behältnis finden. Ich konfontiere mich mit meinem Leben. Aufnahmen ab 1995 sehe ich als Dokument für unseren Überlebenskampf. Hinter naturgewaltigen Orten, tausend Kontakten und vielfältigen Unternehmungen lauert die fortwährend unterdrückte Trauer. – Michael hat eines seiner Adonisbilder, das ich ihm geschickt habe, als Profilbild genommen. Auch ich finde ihn und mich aus heutiger Sicht damals schön. – Ich lese Briefe meiner Ursprungsfamilie; eines der gefallenen Brüder meiner Mutter. Habe Kontakt mit jemand aufgenommen, der 1964 eine putzige Krippe für meine Oma gezeichnet hat. Er schreibt, ein ganzer Kosmos tue sich auf.

Literarisch fehlt gerade der Elan. Ein Herta-Müller-Heft aus dem Literaturhaus habe ich gelesen. Simone de Beauvoir, infolge der Ausstellung, wandert in den Bücherschrank. Der Tenor der „Tochter aus gutem Hause“ stößt mich heute ab, ermüdet mich. – Unablässig „Post“ von Fabian. Er dichtet; zeichnet dazu in Kohle – Schrift UND Bild! Will jetzt Geige spielen. Erstmals wieder ausgiebig telefoniert. Er liest seine „Balladen“, ich lese Schiller vor. Wie eh und je nicht NUR verrückt, sondern auch spirituell. Es ergeben sich schöne Synchronizitäten. Mit einer Leitung dazwischen geht’s.

Auf Erkundungsgang wegen Pfingsten habe ich spontan eine Maiandacht besucht – im diesem angestrengten Zustand wohltuend. Mariengesang, Bildbetrachtung, Novalis. Die schöne Moosacher St. Martinskirche, älteste Kirche Münchens, gut besucht. Kostbare, heilsame Zeit. – Jetzt taucht die Nachmittagssonne mein Zimmer in strahlendes Licht – da lässt sich’s schlecht streichen. Morgen gehe ich Schreiben. Dann vollendet Michael, was er heute angefangen hat.

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3 Kommentare

  1. Renate sagt:

    Wäre so schade, wenn dein Singglück schon wieder vorbei wäre. Fotos anzuschauen und zu reduzieren, hat viele Facetten, schöne, aber auch schmerzhafte. Räumen, aussortieren, streichen, wie soll da noch Raum zum Lesen sein. Kirche als Ort der Ruhe und Besinnung.

  2. Beate sagt:

    In die Vergangenheit eintauchen, indem Fotos angeschaut werden, Briefe gelesen, Erinnerungen deutlich wiederauferstehen, neu und mitunter mit neuer Wertung. Was für eine Aufgabe, was für ein Prozess ! ich kann Dir nur wünschen, dass neben der Qual sich auch das einstellt, was ich eine Art Abschluss nennen mag, ein neues Aufbewahren in einem Schatzkästchen wertvoller Erinnerung an Glück und Schmerz

  3. Ines sagt:

    Ich kann dir nachfühlen, wie ätzend diese taktschlagende Altstimme, die sich in den Vordergrund drängt, für dich ist. Wahrscheinlich kannst du dich nicht etwas weiter von dieser Frau entfernt hinstellen, wenn es nur so wenige Altstimmen gibt. Es wäre wirklich traurig, wenn sie dir das Singen in dem Chor vermiest. Vielleicht wollte sie dir als Neuling zeigen, wie gut sie ist und beruhigt sich wieder. Räumen, Ausmisten und sich in alten Fotos und Briefen verlieren, ist zeitraubend, aber auch schön und innerlich reinigend. Und natürlich warst du schön, und bist es noch immer.

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