Balkonien und eine überraschende Wende am Sonntag Nachmittag

Alina und Simon blieben bei mir bis Dienstag zu Besuch. Alina hatte sich mich der Nachbarsfamilie und mit einer Freundin verabredet, Simon war bei seinen Eltern und bei seinem Freund „Go“ spielen. So sieht mein liebster Besuch aus: Dass ich auch Zeit für mich habe und ein paar Stündchen nicht Gastgeberin spiele. Auch ist es ein gutes Zeichen für Alinas Seelenzustand, dass sie nicht dauernd auf meiner Couch saß um sich über Leute und das Leben zu beschweren.

Die Pfingstferien bedeuten für mich Arbeit , während die Kollegen aus meinem Team alle frei genommen haben. Ich würde mich lieber meinem Balkon und der Lohnsteuererklärung widmen als um den Berg Aufgaben, die ich in der kommenden Woche erledigen muss. Inzwischen bin ich an vielen Abenden von bleierner Müdigkeit befallen. So auch gestern, am Samstag. ich hatte angefangen, meinen Balkon in Ordnung zu bringen, die rausgeschossenen Hornveilchen entsorgt, bin zu Kölle gefahren, habe neue Blumen gekauft und in der Mittagshitze gepflanzt, das Geländer und den Boden geputzt, angefangen, die Möbel abzuschleifen. Mittlerweile war es fünf Uhr nachmittags, ich wollte mir kurz die Nachrichten anschauen und mich dann fertig machen für die Fahrt zum Nationaltheater. Nach der ersten Nachricht schlief ich ein, wie ein Stein schwer. Ich weiß nicht mehr, wovon ich aufwachte, ich fuhr hoch und sah, es ist sieben Uhr, zu spät, um den Anfang der Vorstellung zu erreichen. Immerhin gab es eine Pause und ich konnte den zweiten Teil erleben: Was für ein geniales Ballettstück! Der Abend ging mit Heike auf der lauschigen Terrasse sehr harmonisch zu Ende .

Heute ein Treffen mit Christoph und Katharina, wir waren zum Cafébesuch verabredet. Katharina, Christoph und ich hatten ein paar Jahre lang einen Lesekreis. Christoph liest nicht mehr. Er wird seit einiger Zeit zunehmend dement, hatte vor Kurzem einen Schlaganfall und geht sehr langsamen Schrittes. Wir wollen uns  weiterhin zu dritt treffen. Als ich zu Christoph kam, sah ich als erstes seine Tochter Jessika im Rollstuhl vor dem Haus stehen, sie meinte, ihr Vater käme gleich runter, er suche gerade seinen Schlüssel. Die Tochter (sagen seine Freunde) organisiere vorbildlich seinen Alltag, seit er  Hilfe braucht. Christoph hatte sich seit Jessika geboren wurde, unglaublich rührend um sie gekümmert. Nun arbeitet sie als Psychologin in der Pfennigparade und kümmert sich um den Vater, der in der Nähe wohnt. Zunächst zeugte eine betont ungezwungene, scheinbar fröhliche Stimmung untereinander von dem, dass uns allen etwas bange war. Wir gingen vor dem geplanten Cafébesuch ein paar Schritte auf und ab, als eine junge Frau auf uns zukam und darum bat, mit uns ein Stück gehen zu dürfen, sie werde von einem jungen Mann verfolgt. Ihre Hände zitterten und sie wirkte sehr ängstlich. Katharina fragte sie, wo ist er? und ging schnell forschen Schrittes auf ihn zu. Sie sagte ihm wohl, dass die junge Frau Angst hat, weil er sie umrundet hat und er soll sie in Ruhe lassen. Sie ging dann weiter mit uns mit, wir saßen zusammen am Tisch und sie erzählte von sich. Die Atmosphäre war schlagartig eine andere. Die Schwere des Vorhabens , Christoph in seiner Not beizustehen verwandelte sich in ein harmloses, nettes Beisammensein zu viert. Der Stempel der Demenz war vergessen und das Mädel fühlte sich sicher unter uns Oldies.

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Verstehe ich es richtig, dass Christophs Tochter im Rollstuhl sitzt oder hat sie diesen dem Vater gebracht? Bei der jungen Frau hatte ich erst den Eindruck, sie sei verwirrt und bildet sich das Verfolgtsein nur ein. Scheinbar hat sie aber euren Nachmittag bereichert.

    • Beate sagt:

      Christoph’s Tochter ist körperlich schwer behindert und sitzt zeitlebens im Rollstuhl. Die junge Frau ist in Mehring aufgewachsen und schien mir so ein richtiges Mädel vom Lande zu sein, sehr verunsichert, als sie lesen wollte und der Typ um sie rum lief.

  2. Heike sagt:

    Ich hab so verstanden, dass sich Christophs Tochter nur kurz zum Warten in den Rollstuhl reingesetzt hat. Und, dass diese irgendwie gefürchtete Zusammenkunft doch sehr nett verlaufen ist. Dass Besuch, der sich auch anderweitig beschäftigt, angenehmer ist als einer, der darauf wartet, beschäftigt zu werden, leuchtet mir ein. Euer Zugang mit der jungen Frau, sie sich gleich reingekrallt hat, scheint mir sonderbar. Ich hoffe, sie „bleibt“ nicht – klingt sehr bedürftig. Wie Katharina auf den Verdächtigen zuging erinnert mich daran, dass das auch im Umgang mit aggressiven Hunden empfohlen wird. Oder täusche ich mich? – Christoph liest nicht mehr? Sehr, sehr traurig.

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