23-07-04 – Berlin bei Kleist, Werner und „Scheinbar“ – zurück im home sweet home – Schwesterliches

Montag abends von Berlin gekommen. Bevor ich mit Michi zu Giovanni ging, einen Blick in die Wohnung geworfen. Wir hatten Teppichfliesen gewählt, um es einfacher zu haben und wegen Auswechselbarkeit. Im Gegensatz zur Ausage der Fachmänner – „einfach hinlegen“ – musste jede Fliese einzeln verklebt werden; es bestehen Unebenheiten und Lücken, also nicht perfekt, aber ich schlage ein Kreuzzeichen: Boden liegt, Wand gestrichen. Jippie! Heute zwölf Kartons eingeräumt (obwohl leer so schön!), wieder einen halben Zentner zum Bücherschrank gebracht, wo Frauen warteten, die Tür aufhielten und sich sogar herzlich bedankten! Von Gogol über Teresa Mora, von Sasa Stanisic über Uwe Timm, sicher fünfzig Bücher, zumeist im Topzustand. Permanent Schmerzmittel. – Singen heute ausfallen lassen.

Der Abstand zu alledem hat sehr gut getan und meinen Blick auf manches verändert, was es abzustoßen gilt. Da mich Berlin – so selten ich hinfahre – fertigmacht, haben wir diesmal ausschließlich Sachen außerhalb des touristischen Berlin gemacht, kein PergamonMuseum (obwohl es bald jahrelang schließt). Bei Regen um den Schlachtensee. Kreuzberg und Kleist. „Scheinbar“, das keinste Varieté Deutschlands. Lesung in Babelsberg. Vortrag über Lützow-Viertel. Berühmter St.Matthäus-Friedhof, auf dem Virchow, die Brüder Grimm, Rio Reiser u.v.a. beerdigt sind und wo Männer in wippenden Blumenröckchen und Söckchen in Stöckelschuhen auf haarigen Beinen ein wahrhaftig einzigartiges Café betreiben. Samstag ganztags „Goldene Stunde“ in der Wilmersdorfer Moschee, eine Veranstaltungsreihe für Angehörige Demenzkranker, wo auch ich angemeldet war – über Frankls Logotherapie und den Sinn des Lebens. Von feinsinnigen Menschen wurde ich am Ende umarmt wie eine neue Freundin. Eine Teilnehmerin lud uns noch zu einem Theaterstück von AltenheimbewohnerInnen ein. – Einen Tag allein; da erschien unverhofft Werner. Zuerst hörte er nur meine Stimme und hielt mich für Bine. Als er mich sah staunte er, sinnierte und fragte immer wieder, wie das Leben so ist mit meinem Format. Ich habe mit ihm den Tag verbracht, ihn zum Essen eingeladen, er lief vertrauensvoll mit, obwohl ich mich nicht auskannte. Ihn haben wir auf meinen Wunsch am Sonntag in seinem abenteuerlichen Gartenhäuschen in Schöneiche besucht, wo er halb-legal den Traum vom einfachen Leben verwirklicht, den er so vielleicht nie geträumt hat. Montag Rathaus Schöneberg „Wir waren Nachbarn“, Dauerausstellung über jüdisches Leben im sog. Dritten Reich. Man könnte bis zum Lebensende dort recherchieren. Ich habe mich auf Alice Salomon konzentriert. – Mir hat es diesmal gefallen wie nie, obwohl alles, was mich „eigentlich“ interessiert hätte, in der Woche davor oder danach stattgefunden hätte.

Mit Bine ging alles gut, zumal ich mich an ihre Gewohnheiten und Zwänge, auch an ihr Schneckentempo in allen Verrichtungen angepasst habe (körperlich dagegen ist sie zwanzig Jahre jünger und flinker als ich). Heimkommen: eintreten ins Stockfinstere, sofort von innen die beiden Sicherheitsschlösser zweifach abschließen, zusätzlich einen schweren Riegel vorschieben, Schuhe ausziehen, in Hausschuhe schlüpfen, sofort ins Bad Hände waschen; niemals heißes Wasser aufdrehen, das wird portionsweise im Wasserkessel erwärmt; Vorhänge bleiben meist zu, immer Halbdunkel; gelüftet wird zu bestimmten Zeiten zu festen Regeln – im Sommer wegen Hitze, im Winter wegen Kälte. Nicht bröseln. Nur einmal wäre es beinahe eskaliert zwischen uns. Eine ganze Woche war der Härtetest, zumal Werner eine Nacht dablieb, er in seinem Bett, ich in Bines und sie auf einer Matratze in der Werkstatt unter der Werkbank. Sie dürfte froh sein, wieder allein zu sein – aber kein Mensch weiß, wann Werner wieder erscheint. Er, der immer ideologisch war und den man deshalb gemieden hat, auch wegen kilometerlanger Emails, mit denen man bombardiert wurde, ist jetzt zahm und umgänglich wie ein Schoßhund, fröhlich, humorvoll, zufrieden. Er hat sich sichtlich pudelwohl gefühlt, obwohl er oft kontaktuntauglich ist. Bine ist mit ihm seit 1977 in dieser skurrilen, weltfremden Symbiose verstrickt und längst seine einzige Ansprechpartnerin, von der er abhängt.

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5 Antworten

  1. Ines sagt:

    Tolles Programm hattest du in Berlin. Die Schilderung, mit was für Regeln deine Schwester ihre Wohnung betritt und darin lebt, ist krass und passt gar nicht zu deiner freien Lebensart. Obwohl du neulich auch mal von den Bröseln sprachst, die du gleich weg machen musstest. Und Werner scheint zumindestens auf dem Weg in seine Demenz ein richtig netter Geslle geworden zu sein. Dass er noch alleine leben kann, hätte ich nicht gedacht. Wie lange wohl noch? Ich bin gespannt, wie die neuen Teppichfliesen aussehen. Gleich wieder schuften trotz Schmerzen. Respekt.

    • Heike sagt:

      Werner lebt so, dass er alles verlegt, Bine sucht es dann; sie ruft ihn morgens an und wartet, bis er seine Tabletten eingenommen und ein Kreuzchen gemacht hat, sie weist ihn regelmäßig durch den Tag; er kocht sich nichts mehr, verläuft sich teilweise auf dem Weg, sagt, er sei mit PC-Programmen beschäftigt, obwohl sein PC schon lange abgeschaltet ist, sagt, so ein Handy wie ich hätte er auch so gern, hat aber eines. Er war sehr, sehr firm in diesen Dingen und kann jetzt nicht mehr viel, sieht fern, ruht aus. Es ist eine Frage der Zeit. Und natürlich nicht ganz ungefährlich. Zieht sich die Winterjacke mit Riesenloch am Arm an. Hat aber, als er mich sah, immer wieder gesagt, er habe seine Schuhe nicht geputzt und wollte dann, was er auch gemacht hat, seine Haare waschen. Ich als Außenwelt habe ihn wohl daran erinnert, dass er nicht salonfähig ist. Eine Einrichtung ist bei ihm undenkbar; Bine kann und will ihn nicht „haben“, obwohl er selig ist, bei ihr zu sein.

  2. Renate sagt:

    Mit den Bodenfliesen ist es so eine Sache. Immerhin ist jetzt der alte, geliebte Teppich draußen. Dass sich die LeserInnen über deine Bücher gefreut haben kann ich mir gut vorstellen, steht doch manchmal ziemlicher Schrott in den Schränken. Du hattest ein tolles Programm in Berlin. Ein Glück, dass es mit deiner Schwester so gut ging, anders als so manches Mal vorher. Das akzeptieren ihrer Zwänge und Besonderheiten eine Herausforderung, kein Leichtes.

  3. Beate sagt:

    Als wäre ich dabei gewesen in Eines Wohnung. Die Regeln durfte auch ich genießen, sobald ich ihre Wohnung bertat. Bin daran gewohnt, bei Alina muss ich nicht zusätzlich die Schlüssel an einen bestimmten Stelle ablegen, das Handy desinfizieren und im schlimmste Fall gleich unter die Dusche (Mama=lebenskontaminiert?) und was Du alles für schönen Unternehmungen hattest! Eine weitgehend harmonische Begegnung mit Bine und Werner (ich habe ihn auf dem Foto gleich als den „Werner in liebenswürdig“ erkannt. Und er Teppich ist verlegt, die Wände gestrichen- nun geht es im Ausschritt voran!

    • Heike sagt:

      Das ist ja herrlich! Und beantwortet mir ungefragt, dass Bine es sich tatsächlich auch bei anderen wagt – soweit sie sie überhaupt jemals einlässt! Allein die Ankündigung eines Besuches z.B. durch meine Söhne hat schon regelrechte Erdbeben und sehr viel Unfrieden ausgelöst. Was ist das bloß!? Gewisse Marotten aber hatte sie schon als Kind…mehr davon mündlch. „Weitgehend harmonisch“ ist das richtige Wort. Mit Alina…ohweh. Wie wird das mal mit Kindern??!!

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