23-07-21- Schreibreflexion – sommerfrisch bei nächtlichen Güssen – Soziales + Nature Writing
Ich nehme wahr, wie die eindrücklichsten Erlebnisse verblassen, wenn ich sie nicht festhalte. Wie immer mäandere ich zwischen kontinuierlichem „Mitschreiben“ und dem Warten auf das Übriggebliebene, was mir Zurückhaltung abfordert – zumal mir nicht an der Zusammenfassung gelegen ist, eher an flüchtigen Eindrücken. Bis Ultimo Zurückhalten kann zum ungewollt allgemeinen Rückblick führen. Hauptsachen, wie ich feststelle, haben sich in meinem neuen Leben schon herauskristallisiert. Die Frage ist also nicht mehr was, sondern wie. Da ich vielleicht am WE nicht dazu komme ziehe ich meinen Blog vor. Aus Versehen habe ich auf Veröffentlichen gedrückt – irreversibel.
Die ständig geschürte Angst vor Hitzewellen führt dazu, dass die Flucht davor schon verinnerlicht ist. Stattdessen gibt es – bei ungewöhnlicher Sommerfrische – hier gerade keinen Grund dazu, es gibt sogar nächtliche Regengüsse wie in unserer Kindheit. Im Gegenteil frage ich mich heute, ob es mir fürs Schwimmen bei 18 Grad nicht zu kalt ist. Dabei ist das Durchströmtsein von Frische und Lebendigkeit hinterher mit nichts zu vergleichen. Am See – derzeit nicht täglich – ergeben sich gehaltvolle Gespräche mit liebenswürdigen Menschen. Am Dienstag war eine 70-köpfige KinderGruppe aus dem Hasenbergl auf Ausflug mit dem Kreisjugendring. Von Pädagogen an allerhand Spielgerätschaften wie Booten, Rutschen und Wasserklettergerüst betreut eine wahre Wonne, sie zu beobachten, auch wenn „unser“ Platz (mit den weniger spitzen Steinen) großräumig belegt war. Seit Donnerstag fällt Schwimmen aus, weil Michael Magen-Darm hat. Statt mich in (manchmal erträumter) Selbständigkeit zu üben fehlt mir der Antrieb und ich versandelte die Tage lesend. – Seit einer Woche schlage ich mich mit Stichen herum, die nur langsam unter Teebaumöl und Kortison abheilen.
Trotz sonstigem Stillstand Handout, Vorbereitungen innerlich und äußerlich sowie Taschepacken zum Thema Lebensleistungen und „grünes Tuch“ für die Samstagsgruppe; Material, Stoff und Impulse zu Bäumen für uns und für die Aetasgruppe zum Thema Wasser; literarische Beispiele exzerpiert, ausgedruckt, ins jeweilige Heft eingelegt. Wenn eine Gruppe auf die andere folgt ist die inhaltliche Unterscheidung besonders wichtig, um mich nicht abzunutzen.
Montag Abschied von Anna, Dienstag von Jakob, der über Freiburg und Frankfurt nach Rotterdam zurückgekehrt ist. Es ist eine Freude, die beiden zusammen zu erleben, wenngleich mir das Englische naturgemäß manche Schranke auferlegt. Die Gespräche sind dennoch niemals oberflächlich. Montag Susanne; Mittwoch eine hochbetagte Frau aus der Schreibgruppe bei Alexandra, beide im Tribeca, u.a. um gemeinsam den Umgang mit ihren Traumafolgen innerhalb der Gruppe zu besprechen. Intensiver, auch literarischer Austausch – wünschenswerte Begegnungen. Lebenselixier.
Literarisch durchstreife ich gerade einiges, was ich nicht zu Ende bringe, dabei Annie Ernaux. Schon durch das erste Buch hatte ich mich hindurchgequält; jetzt kam wieder eines zu mir, das Bine in ihrer Lesegruppe gehabt (und auch nicht gemocht) hatte. Ich komme nicht über das erste Drittel hinaus, es langweilt mich über die Maßen. Wäre es anders, wenn ich Frankreich-affin oder dort aufgewachsen wäre? Wenn es als Tagebuch einer für mich durch ihr Lebenswerk interessanten Persönlichkeit an die Öffentlichkeit geraten wäre? So aber liegt es bereits auf dem Stoß für die nächste Fuhre zum Bücherschrank. – Stattdessen habe ich mich – auch zur Einstimmung – ausgewählten Kunstwerken aus dem Spektrum des Nature Writing zugewendet: Klaus Modick, Jürgen Goldstein, Marion Poschmann, Claire-Louse Bennett. Hesse, den ich als wichtige Stimme zum Thema rausgesucht hatte – ich spüre es – hat momentan hierfür ausgedient.
Leider ging es mir mit Annie Ernaux auch so, dass ich tn ihre Bücher (zwei habe ich gelesen, bei einem als Hörbuch wurde ich ständig an Müdigkeit übermannt) nicht hineinfand. Tage am See, an denen ich mit fremden Menschen ins Gespräch komme, kenne ich nicht, es klingt so gut, so leicht , wie du es beschreibst. Ist die Renovierungsarie endlich vorbei?
Eure Sommeroutine mit dem Schwimmen am See ist richtig schön und beneidenswert. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, obwohl ich weiß, wie schön erfrischt das Gefühl danach ist. Deine Schreibgruppen sind ja schon fast ein Teilzeitjob, insbesondere wenn du noch Einzelgespräche danach machst. Ich liebe es, wenn es im Sommer nachts regnet. Am Morgen soll aber wieder die Sonne scheinen.