23-08-05- Ein Jahr…- Staubschlucken, Sortieren + Abschied von Peters Großformaten – Anstoßen mit Beate – Flucht in Blue Skies

Ein Jahr liegt das Hospiz hinter mir. Die letzte Andacht, mein Abschiedsrundgang, ozeanische Gefühle im Arm „meiner beiden Männer“ – Freundschaft auf ewig. Helfe Gott, Gedanken in diese Richtung fortan im Keim zu ersticken.

Beate sollte am einzigen Sonnentag zum Essen und Anstoßen auf den neuen Lebensabschnitt kommen. Meine Wetterabfrage zeigt Temperatur und Regenwahrscheinlichkeit, nicht aber Sturm. Wir haben es riskiert, obwohl die Bäume sich schüttelten und bogen. Gemeinsam geht Sitzen leichter; allein ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Die Atmosphäre Michaels schlafloser Nächte ist omnipräsent. Zwischendrin Füße gekrault, was Beate und ich bis in den Abend bei mir daheim fortgeführt haben. Einblick in Michaels Auflösungsprozess ist eine innere Angelegenheit. Nichtmal mehr sein Sessel ist dort; für ihn haben wir einen sündhaft teuren neuen Bezug bestellt. Das Möbelstück selbst ist nicht mehr lieferbar. Es verkörpert die Hoffnung auf einen adäquaten Platz im gemeinsam trauten Heim. Jeder Stuhl, jeder Sessel, jeder Tisch ist zu klein und zierlich für ihn, als nähme ein Riese in einer Puppenstube Platz.

Ansonsten Schufterei im Wechsel mit nichtsnutzigem Herumhängen. Für Dienstag hatten wir Carl und Carla gemietet; tagelang Michaels Hütte auseinander genommen. Was mal schnell aus dem Weg musste, wurde jahrelang in Kisten geschmissen und vergessen; die Hütte kaum mehr betretbar. Sein Wille, alles wegzuwerfen, scheitert an meiner Sichtung. Wahre Schätze, Künstlerbedarf können weder in die Tonne, noch nimmt der Sperrmüll Gemischtwaren. So kamen am Dienstag zwei VW-Bus-Ladungen, auch aus meinem Speicher (nach entsprechenden Vorbereitungen), zu zwei verschiedenen Sperrmülls. Weinend habe ich einen Teil von Peters Bildern, Großformaten, in die Container versenkt. Ein barbarischer Akt. Wir wurden gehörig schikaniert. Malerfarben nicht hier; Giftmüll heute erst ab 14:00 oder ins Giftmobil am Steubenplatz. Vom Steubenplatz zurückgeschickt zum Sperrmüll. Dort wollten sie die Farbe wieder nicht nehmen, bis wir mit Polizei drohten. Sie wiesen uns dann an, die Eimer in den allgemeinen SperrmüllContainer zu schmeißen, der dadurch tatal versaut wurde.

Gestern wiedermal Michaels Bücher gesichtet. Auch die wollte er wegwerfen. Ausgeschlossen! Die nach schimmliger Hüttenluft schnuppern in die Tonne; Berge feinster Literatur, oft in 1a Zustand, zum Bücherschrank; jeder von uns soviel er schleppen konnte, darunter zentnerschwere Kunstkataloge, die man immer haben will und nie liest. Stunden später bei Michaels zweitem Gang dorthin war alles bis auf einen Roman bereits unter den Leuten! Etwa die Hälfte, der Rest eines ehemals stolzen Bestandes, bleibt. – Zur Dult in der vergeblichen Hoffnung auf ein weiteres Leinenhemd und Hosenträger. Hochwertiges Brot gekauft, für nachmittags eine Straube – sensibilisiert von der gestrigen Begegnung mit diesem lang nicht gehörten Wort. Mächtig übellaunige Leute unterwegs („weil du oiwei redst!“ oder „du gähst jetz`amoi weg mit deim blädn Schirm“). Wespenschwärme am Zuckerguss der Lebkuchenherzen. Fisch, Bratwurst, gebrannte Mandeln, Schmalzgebäck – ein olfaktorisches Fest.

Stadt aus Glas aus Austers New York Trilogie; zwei alte Tagebücher, die nicht nur enthalten, was mir gefällt – gelesen und entsorgt. Endlich ist T.C.Boyle eingetroffen, den ich bei Bine angefangen hatte. Brandaktuell, skurril, scheinbar leichtfüßig; virtuoses, amerikanisches „creative writing“. – Täglich Träume, in denen jetzt häufig Simon vorkommt.

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4 Antworten

  1. Ines sagt:

    Sowohl Straube als auch Carl und Carla musste ich googeln, da ich nicht wusste, um was es sich handelt. Was ist das für eine Hütte, in der ihr Michaels Sachen aussortiert habt? Davon wusste ich gar nichts. Der Ton auf den Wertstoffhöfen ist grausig, das hab ich auch schon erlebt. Unglaublich, wie viel ihr ausmistet. Und sogar Bilder von Peter, das versetzt auch mir einen Stich. Michael als Riese in deiner Puppenstube ist ein lustiges Bild, zeigt aber, wie groß die Hürden sind, ihm ein neues Zuhause zu schaffen.

    • Heike sagt:

      Googeln ist gut…jetzt weißt du`s? Die Hütte ist das Holzhäuschen im Garten. Das hat er anfangs als Werkstatt eingerichtet. Dann aber war es unmöglich, die Klingelanlage hörbar zu machen, es war im Winter kalt und feucht. Niemals hat jemand- wie wir uns das vorgestellt hatten – romantisch dort geschlafen. Bald war es nur noch Rumpelkammer.

  2. Renate sagt:

    Meine aussortieren Farben und Lacke habe ich auch von Sperrmüll zu Sperrmüll gefahren. Letztendlich hat Andy sich ihrer angenommen. Eure Bücher ziehen die Leute an. Strauben, gibt es die noch? Lecker! Das Wort habe ich schon ewig nicht mehr gehört. So eine kleine Hütte hat ein unheimliches Fassungsvermögen.

  3. Beate sagt:

    Der Tag bei Michael im Garten und später bei dir war zauberhaft! Anscheinend auch für Euch eine Oase in dieser qualvollen Zeit des Sortieren und Ausmistens von Kostbarkeiten! – allein davon zu lesen , zu hören ist ganz furchtbar. Die Bücher machen den nächsten Lesern Freude, der Gang zum Bücherschrank ist also sehr sinnvoll.

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