23-09-09- Erinnerungen aufsteigen lassen – Ressourcen mobilisieren – ein gutes Ohr definieren

Vor zwanzig Jahren in der Beratungsstelle. Wie so oft begann es beim Kind und endete bei den Eltern, die sich wieder zusammenrafften und „schwanger wurden“. Nach einer Pause kam sie wieder. Vor den Augen des Sohnes war der Ehemann von bewaffneter Polizei im Wohnzimmer verhaftet worden. Dieser Schock, die Ungewissheit der U-Haft, das erschütterte Vertrauen gegenüber ihrem Mann löste eine Frühgeburt aus. Ich weiß heute noch, wie das Baby hieß, welche Schäden es davontrug und wie einsam die Frau war. Im Kindergarten hatten Erzieherinnen zur Vermeidung „schädlicher Geheimnisse“ ohne Absprache mit der Mutter die stigmatisierende „Wahrheit“ kurzerhand offengelegt. Ich wollte für die Ehefrau eine bekannte Psychotherapeutin zuziehen, Expertin für Traumata, den muslimischen Kulturkreis und – so glaubte ich – den mutmaßlichen Sachverhalt. Nach zwei Probesitzungen, in denen die Therapeutin „alles gewusst“ hatte: wie die Klientin fühlen, denken und „realisieren“ sollte, war der Versuch gescheitert. Gesellschaftlich unbeachtet, tabuisiert, ohne Mitgefühl. Man ist selber schuld. – Auch die Nacht-und-Nebel-Inobhutnahme dreier vernachlässigter Kinder hier im Haus. Unfähig zu elterlicher Sorge war doch deren Trauma, später die Trauer bis zum Drogentod der Mutter spürbar. Ohne Einsicht; alles „der böse Staat“, man hat „nichts gemacht“ und „ich hol euch da raus“, obgleich die Kinder bei seltenen Besuchen wieder verwaist auf dem Hof herumhingen und bei mir Mehl, Milch oder Eier erbetteln mussten.

Am Sonntag Abend Jakob gesprochen. Auch er zeigt vergleichbare Reaktionen, würde sich vermutlich eine „normale“ Familie wünschen. Und dein ältester Sohn (oder Bruder), was macht der so? Mit wem kann man „das“ besprechen? Was, wenn sich die Einschätzung als Fehler erweist, sich aber nicht rückgängig machen lässt? Natürlich gibt es bei uns Verstrickungen, Co-Bezüge; Gangsterbräute und mich, die entsprechende Mutter. All dem muss ins Auge gesehen werden. – Ich halte Ausschau nach Selbsthilfe. Da scheint es um rechtliche Fragen zu gehen, Besuchsrechte, Geldzuwendungen. Ich aber wünschte Austausch unter betroffenen Angehörigen mit klarem Gruppenregelwerk. Nicht online. Lieber Stuhlkreis. – Bine ins Boot geholt. Mitfühlend und vernünftig, zuhörend und ruhig, realistisch und ehrlich. Renate hat nachgefragt. So wohltuend! Gutes Telefonat. Darüber hinaus drei Gespräche – in denen ich wie am Wegesrand einige Kostbarkeiten aufgesammelt habe, zwei davon ohne „das eine“ an- oder ausgesprochen zu haben. Bestimmte unerwünschte Gefühle und Zustände haben dürfen, ohne dass sie relativiert, bagatellisiert, beschwichtigt, rationalisiert, mit völlig anderen Dingen assoziiert, ausgeredet oder gar befeuert werden. Bei Letzterem wäre die Umkehrreaktion das in-die-Bresche-Springen. Auch Licht am Ende des Tunnels ist jetzt nicht dran.

Ich brauche Wasser. Ab Tag 10 leichte Entwarnung des schrillenden Alarmsystems. Um kein chronisches Nervenbündel zu werden und weil die Flucht ins Buch (noch) nicht gelingt zwinge ich mich zu ressourcen-mobilisierenden Maßnahmen: 2 x Starnberger See; bei Wind, Wellen und frischen 20 Grad unter Anfeuerung einiger Araber ins Wasser gestürzt. Nach Sonnenuntergang auf „Renates“ Kioskwiese (barfuß im kühlen Abendtau) Wurstsalat und Bier. Weg bergab schwierig, bergauf besser – beinahe im Dunkeln. Sonst täglich mit dem Rad zum Feldmochinger. Frühstück „Maria in Marrakesh“ und Tee „1001 Nacht“ mit Kakao- und Schokostückchen mit Brigitte (gerade höre ich, dass in Marrakesh die Erde bebt!); Nachmittagskaffee mit tiefgreifenden Themen in Birgittas Paradiesgarten. – Im Kleinstausmaß Räumen wieder aufgenommen. Wir stecken fest, verschieben „auf morgen“. – Letzte Altweibersommertage. Abwägen der Vor- und Nachteile „unserer“ Seen. Steg, Wiese, Alpenpanorama, Kiosk vs. bessere Erreichbarkeit und ruhigeres Wasser. – Grübeln über Brieftext – der langen Wege entwöhnt bei normalerweise digitaler Kommunikation in Echtzeit. Was schreiben, wenn „nichts“ drinstehen sollte?

 

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Der schrillende Alarmzustand deines Körpers ist zum Glück leiser geworden. Wie gut, dass du weißt, was du brauchst und was deinen Zustand etwas besänftigt und sei es nur der Sprung in den See oder ein Wurstsalat. Gespräche darüber führen oder lieber nicht, weil die Reaktion möglicherweise total unpassend ist, das lässt sich vielleicht gar nicht planen. Ich finds gut, dass du deine Schwester eingeweiht hast.

  2. Beate sagt:

    Am Wasser sein zu können, hat etwas seht Tröstliches. Als würde der Kummer auch ein wenig verwässert werden – so geht es mir und ich meine, Dein „Sprung ins Wasser“ hat auch eine ähnliche gute Wirkung. Dass Dein Körper in einen Ausnahmezustand geraten ist, kann ich so gut nachvollziehen (es geht mir jedes Mal so, wenn Alina eine neue Attacke präsentiert) Was braucht es doch auch an Zeit, Energie, Ablenkung, Gedankenkarussell, bis dieser Zustand dann endlich abebbt, erträglicher wird!

  3. Renate sagt:

    Du musst darüber reden, dass birgt immer die Gefahr von unerwünschten Kommentaren, guten Ratschlägen und von nicht richtig gehört werden.
    Immer noch Feldmochinger See, trotz sehr kühler Temperaturen nachts. Der Weg durch die Starzenbach Schlucht ist durch die Steine und den Kies zimlich rutschig. Das Sitzen auf der Wiese vor dem Kiosk ist schön, auch wenn der Kuchen überhaupt nicht gut ist. Wurstsalat vielleicht schon.

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