23-09-23 – „Das Problem = die Lösung“ – „Prokrastination“ – septemberlich, literarisch, divers
Radfahren geht wieder, abendliche, inzwischen auch mittägliche Seegänge. Stimmung moderater. Die Deutung meiner Reaktion hat mir eingeleuchtet und geholfen: welche Schutzmaßnahmen meine Psyche möglicherweise zur Abwehr falscher Hoffnung unternimmt. „Das Problem (die Depression) ist die Lösung (dagegen)“; Depression als Strategie. „Wer von Hoffnung lebt stirbt an Verzweiflung“.
Unsere Regalkonstruktion auf dem Gang zur Einrahmung von Lollos Bank ist gescheitert. Nochmal von vorn? Ich googele Prokrastination und lese, es gibt auch Präkrastination. Wir leiden eher an Ersterer. – Mir gibt zu denken, das ich ein Buch unbedingt haben will, das ich – wie Renate beweist – schonmal von ihr geliehen hatte; das mir damals evtl. gefallen hat (wegen ihrer Auswahl für den Potpourri?), das mir jetzt begegnet wie zum erstenmal; wieder fahre ich auf Seethalers Titel und Mahler ab, um den es geht. Finde die Sprache jetzt abgegriffen, die inneren Monologe umständlich, unglaubwürdig, die Charaktere (seinen und Almas) stellenweise trivial überzeichnet. Damals und heute nichts notiert oder rauskopiert. In Sachen Lesen/Schreiben weiß ich normalerweise, wo ich hingreifen muss. Schreibgruppen farblich/ chronologisch aufgereiht, Jahreszahlen von – bis; Lesenotizbüchlein, was ich wann gelesen habe. Ich finde den damaligen Potpourri sowie das Lesedatum. – Bisher war ich 25x in diesem Jahr schwimmen. Viel oder wenig? – 3. Brief an Fabian – kostet Stunden. Die Form des Strafvollzugs erinnert an Reha. Die Persönlichkeit hat Spielraum, innerhalb dessen die Verhaltensmuster zutage treten werden, die alles andere erhellen. Bine sagt, in Berlin gäbe es die tollsten Sachen. Chöre (wie bei Fidelio oder Nabucco), Sport- und Bastelgruppen. Ist das der Rahmen, der bei Laisser-faire-Freistil gefehlt hat? Meine Gedanken wandern zu seiner langjährigen Therapeutin, Disziplinarausschüssen, Schulpsychologen. Wären damalige Empfehlungen für entsprechende Einrichtungen doch eine – Chance – gewesen? Für uns unvorstellbar. Auch „wollte“ Fabian das nie, hing ja bei all dem Wahnsinn am Rockzipfel. Die Frage stellt sich, weil es ihm regelrecht gefällt. Er genießt dieses ablenkungsarme Alleinsein – was er früher keine Minute konnte.
Der Herbst kam mit Wolkentürmen, Wind und Temperatursturz. Michaels Geburtstag. Vom gefürchteten Freudruck entlastet ihn gegenseitiges Gratulieren zum Hochzeitstag. Wir fahren ins Grüne. Letztes Jahr um diese Zeit saß er schon „mit Achilles“ in Italien; ich führte auf gesundem Fuß Regie in der Pension; habe „unseren Tag“ in euphorischem Freundschaftstaumel mit Gregor im Ruffini verbracht. Diesmal Tutzing – Feldafing, am Wasser entlang (föhniges Kaiserwetter, Kormorane; Bergblick), Essen und Schwimmen im Strandbad, danach bis Possenhofen, ebensoweit wie S-Bahn Feldafing, zum Schluss stöhnend mit Trippelschritten auf dem Zahnfleisch, immerhin ca. 8,5 km. – Am Feldmochinger See das erste diverse Kind gesehen? Einer anmutigen, etwa vierjährigen Rapunzel wurde im Sandkasten das hüftlange, glatte Haar gebürstet – liebevolle Mutter-Tochter-Szene. Als die Kleine sich umdrehte hätte man sie früher als Jungen identifiziert. Diese Schlussfolgerung war gestern. – Nach Langem Oma Renate getroffen. Sie habe seit Winter nichts von Jakob gehört. Er hat kürzlich mit ihr telefoniert.
Zurück ins Lesen gefunden, gottlob. Erneut nach Jahren Ortheils „Stift und Papier“, eine kleinteilige, etwas zwanghafte, auch skurrile, für mich bis zum Herzklopfen packende Rekonstruktion seines Weges (vorwiegend an der Hand des Vaters) aus dem Mutismus. Kein literarischer Genuss – ein Werdegang. Untertitel: „Roman einer Passion“. Akribische Chronik, die seine Störungen abbildet. Ist da nicht auch Autismus im Spiel? Welche Diagnosen liegen sonst noch zugrunde? „Schreibsucht“ als Therapie. – „Wie ich Klavierspielen lernte“ (an der Hand der Mutter) liegt schon bereit.
Das diverse Kind in dem Alter drückt vielleicht eher der Wunsch der Mutter nach einem Mädchen aus. Oma Renate wird vergesslich. Mutismus hat nichts mit Autismus zu tun. Das Buch von Ortheil werde ich versuchen zu lesen, wobei das Akribische und Kleinteilige mich eher abschreckt. Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag. 25 x See-Schwimmen im Jahr ist sogar sehr viel.
Das mit dem „Mädchen“ kann gut sein, der Junge verhielt sich aber auch entsprechend.
Dass Mutismus nichts mit Autismnus zu tun hat weiß ich. Ortheil spricht zu dieser Zeit aber wieder und die gesamte Lage seiner Empfindungen lässt mich an viel mehr denken als nur an das eine. Deshalb. Vieleicht bildest du dir noch ein Urteil – vielleicht schaffst du wenigstens eine Hälfte? Ich wäre sehr gespannt, was du dazu sagst. Alles ist ihm gleich zuviel, er fühlt sich überflutet, er kann nie spontan reagieren, muss immer über alles erst nachdenken, verhält sich außenseiterisch, interpretiert die Reaktionen seiner Umwelt völlig weltfremd.
Du übertriffst mich um Längen, was das Schwimmen betrifft. Der Fußmarsch am Starnberger See, beachtlich. Müßig, über damalige Empfehlungen für Fabian nachzudenken. Was er heute gut findet wird sich im Laufe der Jahre entwickelt haben. Er nimmt es wie eine tägliche Meditation und kommt zur Ruhe.