23-10-28- Überfüllter Kalender reguliert – buntes soziales Leben – Hochzeitsschreibe – Plan 75 – Jon Fosse
Vor dieser Woche war mir bang wegen Überfüllung. So habe ich gleich am Montag meiner alten Lollo-Bekannten Monika den Samstag abgesagt. Sie ist mit ihren achtzig derart busy, dass sie kaum Termine hat. Ich lasse mich dann wider besseres Wissen breitschlagen, wenn es nicht passt. Bei Erwähnung dieses Sachverhalts habe ich bei jemandem obendrein einen ungebetenen Ratschlag kassiert, wie „man“ sowas macht. Dann fiel unsere Peergruppe aus, was wir i.d. Regel wegen Terminschwierigkeiten vermeiden. Anstatt Lücken zu nutzen, vertrödele ich halb genüsslich, halb schuldbewusst die Zeit. Eine Zufallsbekanntschaft aus dem Viertel sagte kürzlich, das-in-die-Luft-Schauen sei für sie keine vertane Zeit. Ja, warum eigentlich darf das nicht sein? Interessante Frau, die bei der Wohnungsgesellschaft die kleinste aller Wohnungen angefragt hatte. Sie brauche nicht viel und nahm gern, was sonst niemand wollte.
Unser Procedere wollen wir jetzt mit Mut zum Scheitern betrachten. Beim Aufhängen eines Regals fehlen Bügel; im Baumarkt vergriffen wie zuletzt die Bretter. Von Fertigwerden wollen wir nicht mehr ständig sprechen. Immer wieder Pausen, freiwillig oder zwangsläufig. Auch Bilder will ich nicht aufhängen müssen, sondern abwarten, bis Lust entsteht. Es ist schon viel passiert hier, wenn ich mich umsehe.
Ich hatte, abgesehen von der Bedrückung durch den Countdown und die Situation in der Pension, schöne Tage mit insprierenden Gesprächen. Ein Frühstück „Marrakesh“ mit „Tee 1001 Nacht“ mit Ines im „Maria“. Literarische Stunde mit Susanne im Tribeca (mit gegenseitigem Gedicht); Herbstspaziergang mit Renate im Nymphi mit anschließend feiner Torte im Café Limulus (kantinenartig ungemütlich); Werkstattkino „Plan 75“ mit Alexandra (sehr sehenswerter japanischer Film zum Thema Euthanasie – in dem wenig ausgesprochen wird und ich als Zuschauerin frei bin, zu denken und zu fühlen was kommt); Ministammtisch aus Hospizumfeld in der „kleinen Rose“. Mit Beate ersatzweise ausgiebig telefoniert.
Freitag Berichterstattung von Simon (Zepter), der um 4:30 zu Fabian losgefahren war, aus dem Auto. Fabian bittet vorsichtig um weniger Besuch. Er erntet inzwischen Misstrauen von den Mitgefangenen, die ihn schon verdächtigen, mit der Staatsanwaltschaft zusammen zu arbeiten. Andere kriegen kaum Besuch. Ich habe kommenden Dienstag abgesagt; die Fahrt storniert, die Hälfte der Kosten wird erstattet. Ich dachte schon, wie sich das wohl macht, wenn einer mehr bekommt als andere. „Gaben“, wie man dort sagt. Geld. Post. Besuch. Wunschanwalt. Wo immer „Ungleichheit“ sichtbar wird entsteht Misstrauen. Verständlich. Wichtig war, dass Fabian weiß, er hat Familie.
Gestern „Alle meine Geister“ verkauft. So will ich es jetzt mit Jon Fosse auch machen. Zwei Bücher, nagelneu, die erst vergriffen waren (letzeres nach der Preisverleihung). Natürlich gibt es sowas jetzt nur neu. Also mit spitzen Fingern die „Trilogie“ lesen, dann „Alise“; sofern es nicht für die Ewigkeit hierbleiben muss – wieder verkaufen. So kann ich vor mir den kontinuierlichen Bücherkauf vertreten.
Innerlich bin ich schon lange auf unseren gemeinsamen Sonntag zugegangen. Tagelanges Auf-Räumen (im Gegensatz zum Räumen). Ursula. Kuchen backen, Suppe kochen, Aufstriche. Beate und Renate steuern alles Mögliche bei. Vom Speicher Meißner Schwanentassen geholt. Festgestellt, dass bis auf zwei alle weg sind. Reicht fürs Brautpaar. So gibt es ein blau-weißes Ensemble aus diversen Geschirren. Texstelle schon lang rausgesucht. Impulse hoffentlich niederschwellig; erfolgversprechend. Vorfreudig gespannt! – Jetzt ist es vollbracht. Schön war’s, finde ich. Ich bin fröhlich und erfüllt. Ohne sich zu nahe zu treten lernt man sich ein gutes Stück kennen. – Hinterher mit MIchael nochmal von vorn angefangen, von allem gegessen und dann einen – wie wir fanden – originellen Tatort gesehen.
Eine Woche voller Verabredungen und guter Gespräche hattest du. Deine Wohnung hat sich schon enorm verändert seit ich sie das letzte mal gesehen habe. Danke für das schöne Ambiente und alles rund um unseren besonderen Schreibnachmittag. Hubert hat sich sehr gut und respektvoll angenommen gefühlt.
Das freut mich sehr und ist wunderschön!
Unser Schreibnachmittag war wieder wunderbar und diesmal sehr besonders: Wie bereichernd war es doch, dass Hubert dabei war! “ Hochzeit“ war uns allen ein inspirierendesThema, das auch mal wieder unseren unterschiedlichen Zugang zur Welt offen legte. Jon Fosse gibst Du gleich wieder aus der Hand? Die Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn hat mich sehr gefreut.
Soviele Verabredungen, beachtlich. Wie schnell das Mißtrauen der Mitgefangenen gewachsen ist. Spekulationen entstehen in so einer Situation noch schneller, als draußen. Der Nachmittag mit Hubert war sehr angenehm, kein Fremdeln.