23-11-18-Jakob und Anna – Märchenschreiben wie der Hahn für den Kaiser – 3. Gefängnisbesuch – Ausfallenlassen

Sonntag Morgen. Schreibdrang treibt mich bei Morgendämmerung aus dem Bett. Später Frühstück bei Michi. Noch ist Jakob da. Anna fuhr gestern Richtung Genf, wo sie gerade eine „Residency“ hat. Jakob folgt ihr heute Abend für eine Woche. Die beiden waren wieder wahnsinnig beschäftigt. Wieder hatte ich zwischenzeitlich mein Englisch nicht gepflegt, was ich mir erneut vornehme. Jakobs Umfeld – gestern Abend russische Freunde hier – ist international. Ich bin selten mit ihm (muttersprachlich) allein. Das Busy-Sein entspricht dem Credo meiner Herkunftsfamilie. Busy bedeutet zufrieden und sorgenarm. Sorge ist – latent – die mögliche Depression des anderen. Sowohl die Sorge wie auch die Depression selbst kann dadurch abgewehrt werden.

Diesmal hatte mir gegraut vor dem Märchenseminar bei Dasein. Ein Alptraum ließ mich den Tag bei Sommer erleben – die Gruppe schwirrte aus und kümmerte sich nicht um meine Anweisungen. Heute schwebe ich auf Wolke 7. Nach dem letzten Schock bei Aetas war die gestrige Gruppe ein Traum. Mit zwölf Frauen war meine Obergrenze erreicht, es gab sogar eine Nachrückerliste! Alle waren mit- und zueinander aufmerksam, sodass sich eine kleine Märchenlesegruppe gründen will – in Resonanz auf eine Frau, der die fehlende Erfahrung des familiären Vorgelesenbekommens bewusst wurde! Der Stoff hätte für Tage gereicht. Ich musste antreiben, Abstriche machen und habe der Gruppe nur zwei kleine Viertelstunden Pause gegönnt. Wirklich alle waren am Ende begeistert. Es ist ja auch unglaublich, wie selbst die mit der größten Angst vorm leeren Blatt, die schlichte Altenpflegerin wie die Literatin, fantastische Texte entstehen lässt. Ich  hatte eine Mitte aus Sonjas Spitzenschal mit „Fabelwesen“, Schätzen, Märchenbüchern, Höhle… Neu erworbene Märchenpostkarten, ein Märchenset aus den 50-ern, so mancher Impuls kam nicht zum Einsatz. Abends stürzte mein Adrenalinspiegel in den Keller (er hätte Scheintote zum Leben erweckt) – heute aber bin ich schon wieder „drauf“.

Michael hatte gestern Carl&Carla bestellt und dann abgesagt. Jakob hätte hilfreich sein können, aber in Michael meldeten sich warnende Stimmen. Im Zusammenhang mit dem Haustürschloss, das wochenlang irreparabel offenstand, weil es sich – einmal geschlossen – nicht mehr öffnen ließ, weder von innen noch von außen, hat Michael wieder die Dreistigkeit der Verpächterin zu spüren bekommen; zudem diese Woche sechs Besichtigungstermine. Die Sekretärin der Schlosserfirma beschrieb ihm eine esoterische Methode, die ihr bei großem Ärger hilft. In seiner Not hat er das gestern – lindernd – ausprobiert!

Mit Jakob und Anna im „Maria“. Michael wieder „zu groß“, zudem unter dem Fensterbogen dem allgemeinen Lärm ausgesetzt, abgeschottet vom Gespräch. Diesmal hat es uns nichtmal geschmeckt. Meine Zeit dort scheint passé zu sein.

Eine wichtige Beschäftigung ist das Aufatmen durch Ausfallenlassen. Dasjenige wichtiger Ziele vertiefe ich besser nicht. – Der Montag gehörte zum dritten Mal Fabian. Seine kreativen Schübe sind derzeit – erwartungsgemäß – versiegt. Jetzt braucht er Lesestoff ohne Ende. Die Busfahrt weiß ich inzwischen zu würdigen, minutenpünktlich, diesmal sowohl Hin- wie Rückfahrt luftig besetzt. Am Folgetag habe ich noch Nachwehen, pflege Kontakte in seine netten, herzlichen Freundeskreise. Apropos Nachwehen: Auch eine Schreibgruppe an fremdem Ort in unbekannter Konstellation zu einem Thema, das ich bisher nur im intimen Kreis bei „kleiner“ Zeit hatte, gleicht monatelangem Schwangergehen; die Durchführung ist nur noch die Essenz gründlicher Vorausbeschäftigung. Wie die Geschichte vom Kaiser, der sich einen Hahn zeichnen ließ. Nach jahrelangem Warten war es dann nur noch ein Pinselstrich. „So lange hat es gedauert“, sagt der Künstler. Vermutlich wiederhole ich mich – ich komme immer wieder bei dieser Geschichte raus.

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5 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Das, was du weg- bzw. ausfallen hast lassen, weckt natürlich die Neugier. Gratulation zur gelungenen Märchen-Schreibgruppe, da hat sich die Vorbereitung doch wieder gelohnt. Du bist weit entfernt von dem einen Pinselstrich, so viel „Stoff“, wie du jedes mal vorbereitest. So langsam wird die Zeit lang im Gefängnis. Fabians anfängliche Euphorie verändert sich. Erfreulich, dass er so viele Freunde hat, die zu ihm stehen. Und Jakob, so international unterwegs. Ich würde mich mit meinem Englisch auch schwer tun, mich vertieft zu unterhalten. Es ist eben nicht die Muttersprache, bei der es so viele Nuancen gibt.

  2. Ines sagt:

    Das, was du weg- bzw. ausfallen hast lassen, weckt natürlich die Neugier. Gratulation zur gelungenen Märchen-Schreibgruppe, da hat sich die Vorbereitung doch wieder gelohnt. Du bist weit entfernt von dem einen Pinselstrich, so viel „Stoff“, wie du jedes mal vorbereitest. So langsam wird die Zeit lang im Gefängnis. Fabians anfängliche Euphorie verändert sich. Erfreulich, dass er so viele Freunde hat, die zu ihm stehen. Und Jakob, so international unterwegs. Ich würde mich mit meinem Englisch auch schwer tun, mich vertieft zu unterhalten. Es ist eben nicht die Muttersprache, bei der es so viele Nuancen gibt.

    • Heike sagt:

      Der eine Pinselstrich war es nur zuletzt: es steckte die gesamte Lebensarbeit des Künstlers darin – das ist die Aussage der Geschichte vom Kaiser, der einen Hahn bestellte.

  3. Beate sagt:

    Ich gratuliere Dir zu der Schreibgruppe „Märchen“! ich lese gerade in der „Wolfsfrau“- aus dem Mit-Leiden mit den HeldInnen wird Trost und Hoffnung geschöpft. da ist vielleicht auch der Bogen zu Fabian gespannt, der beides gut gebrauchen kann und beides hoffentlich durch seine Freundschaften findet!

  4. Renate sagt:

    Über die Märchenschreibgruppe, das Schlüsseldesaster von Michael und kurz über Fabian haben wir bei meinem Besuch bei dir gesprochen.

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