23-12-03-Wintermärchen, 1. Advent, Abschied von Sesselecke, all den Dingen, Steakje und liebgewonnenen Stamm- und Dauergästen

1. Advent. Das tief verschneite Wintermärchen wird heute von einem Hauch leuchtender Himmelsbläue verzaubert. Die gestrige Korrespondenz mit fünfzig Whatsapps hat sich zum Guten gewendet, indem Ines zu wunderschön „wesentlichen“ Teestunden kam – so duftete es nach Adventsauftakt. Bines vergoldete Mohnkapseln auf dem Tisch für unser neues Schwesternsein waren mein „Symbol“. Wir genossen eine der letzten Gelegenheiten für unsere saugemütliche Sesselsituation; in Kürze kommt wieder ein Bett – für Jakob, Anna oder andere Gäste. Lieber voll und bedrängt, als dass die Möglichkeit fehlt zu sagen „bleib doch“ – egal ob zu Jakob, Bine oder sonstwem, auch wenn das selten stattfinden wird. Die Möglichkeit als Wert für sich. „Fünf war’n geladen, zehn sind gekommen…“ verkörpert für mich ostpreußische Gastfreundschaft, die ich im Hause Zepter kennengelernt habe, bei Anni in bescheidenem Rahmen und bei Michael auf seine Art. Wieviele Menschen konnte er die letzten Jahren beherbergen! Das Haus immer offen, der Tisch gedeckt für Familie, Freunde und Freundesfreunde. – Bei mir zu Hause gab es „Gastgeben“, Einladungen „mit Anspruch“ unter Anstrengungen, nie spontan. Jemanden unangekündigt zum Essen mitbringen und vermitteln, es reicht für alle, schön dass du da bist – so war das nicht.

Würde ich meine Woche innerlich Revue passieren lassen wüsste ich nur Räumen. Mithilfe des Kalenders aber sieheda! Mein literarisches Cafégespräch mit Susanne wollte ich eigentlich absagen, doch wir kamen in Fluss. Eintrag der gegenseitigen Gedichte und Anregungen in „ihr“ Büchlein. – Freitag „Jungsabend“ im Ruffini, Emilian krank, der das Ganze (ähnlich Simon) mit seiner Präsenz zusammenhält. Sein Bruder ist aber eigentlich stets der Initiator! Es war schön, nicht weltbewegend; aber laut. Unterwegs durch tiefen Schnee, kamen mir die ersten Eltern mit Kindern auf Schlitten entgegen. – Der Besuch des Entrümplers entlastend. Es wird bis zu 7000 Mille kosten, aber er strahlt Erfahrung und Zuversicht aus. Michael war beeindruckt, wie er mit seinen Mitarbeitern umging – ruhig, (angenehm) väterlich, glasklar und sicher, und wie sie offenbar gern miteinander arbeiten. Wir glauben auch uns in guten Händen. – Am Freitag kommt meine Nachbarin, dann ein Flohmarktverkäufer; dann Verschenkaktion über nebenan.de: Trockner, Herd, Spülmaschine, Gartengerät, Schränke usw. Eben ruft Michael an: Die ersten Naserümpfer, Rosinenpicker und Schnüffler sind bereits angerückt und wieder weg.

Michael ist wieder erkältet, es darf nicht sein. Der Auszug seiner Leute durch Schnee erschwert, teilweise unterbrochen. Dass „unser Stenner“ in eine traumhafte Maisonettewohnung zieht, mit neuer Ausstrahlung dasteht, geht unter die Haut. Wegener trinkt im Stehen Kaffee, spricht mich mit Heike an. Zwei verwegene alten Herren…. „Unser“ Student ist für 1050€ untergekommen mit einigem Hausrat und Lollos Luxusbettwäsche. Der Argentinier geht ins Hotel (pendelt zwischen München und Welt), der Grieche zum Vater nach Bremen, der Iraki ohnehin schon in Augsburg; „Thies“, der Messie, zieht mit demselben Autoverleih auf Sommerreifen um, der uns letztes Weihnachten ohne Frostschutz im Scheibenwasser losfahren ließ, geht nach Norden zum Atomrückbau; der Rumäne nach Passau, Veit überlegt noch, ob er zur Familie an der Ammersee zurückgeht, wo er lebt wie „der Fischer“ mit „seiner Frau“, die immer was anderes oder mehr will als sie hat. Michael kannte ihn als Liebespaar mit Prinzessin, mit ein, zwei, drei Kinderlein, jetzt getrennt – wie so mancher Gast – der bald mit dem zweiten Aufguss kam, meist dasgleiche in Grün. Abschiedsgrüße ergreifend, u.a. von unserer niederländisch-tschechischen Aspergerin, die sieben Sprachen spricht. „Wir“ – das ist sie mit selbstkreiertem Maskottchen „Steakje“, das gerade 30. Geburtstag gefeiert hat„kamen 25 Jahre für insgesamt 400 Tage in dieses Haus“, um in München Spiegelungen zu fotografieren. Für Manche geht eine Ära zuende. – Ich danke Gott, dass keiner auf der Straße landet.

Nachher geht’s zur hospizlichen Schreibgruppe – per U-Bahn.

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Was ist das für ein bunter, internationaler Haufen an Menschen, die Michael beherbergt hat. Sehr interessante Individuen beschreibst du, alle etwas neben der Norm. Als ich jung war, hatte ich auch immer die Vorstellung, dass Freunde unangekündigt jederzeit kommen können und willkommen sind. Aber die Realität sah dann doch aus. Zu gestern nachmittag schreibe ich gleich selber noch in den Blog. So schön adventlich.

  2. Beate sagt:

    Wie schön, dass Ihr den Nachmittag miteinander verbracht habt! Und weiter heisst es räumen, räumen. Gut, dass alle Dauergäste untergekommen sind, das war ja eine monatelange Dauersorge, dass sie nichts suchen/finden könnten! Das „offene Haus“ ist für mich in gewisser Weise eine Idealvorstellung, zu der ich in meiner Herrschinger und Berliner WG- Zeit und später bei Seißlers stets ambivalent gestanden habe. Inzwischen ist mein Zuhause in erster Linie Rückzugsort, ich freue mich über angekündigten Besuch und Austausch, der nicht beliebig oberflächlich ist. Es ist dabei etwas verloren gegangen, nämlich Trubel und dass jemand spontan klingelt, es ist also auch langweiliger um mich rum geworden, doch ich nehme das in Kauf.

  3. Renate sagt:

    Unangekündigte Besuche mochte ich noch nie. Auch ich besuche unangekündigt nie jemand. Beruhigend zu lesen wie alle Gäste von Michael eine Bleibe gefunden haben. Der junge, türkische Student muss tief in die Tasche greifen, um die unsäglich hohe Miete aufzubringen. Zu jedem der Gäste gäbe es eine Geschichte zu erzählen.

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