23-12-16-Entrümpelung und noch immer Chaos – ein Kang, urgemütlich – WIR statt ich oder ICH trotz wir?

Die professionelle Entrümpelung dauerte drei Tage. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das Haus „sauber“ zu hinterlassen wurde nicht eingelöst. Die Männer müssen mit der jeweils letzten Fuhre des Tages bis 16:00 bei der Sammelstelle „auf der Waage“ sein und hatten keinen weiteren Tag zur Verfügung. Der Saustall wird nicht besser dadurch, dass sie unsere beiden letzten Ersatzstaubsauger sowie sämtliches Putzmaterial entsorgt haben incl. herausgebrochenem Handlauf, den Michael aufheben und nächste Woche montieren sollte. Er hatte ihn weggesperrt, aber zuletzt das Zimmer aufgesperrt, damit der Teppich rausgerissen werden konnte. Jetzt sind die Böden in ihrer ursprünglichen Verkommenheit zu sehen, Tapeten hängen in Fetzen. Die Küche übrigens doch raus – der Verpächterin ist zuzutrauen, dass sie das sonst noch im Nachgang verlangt – dreiste Forderungen zeichnen sich ab.

Zu Hause, wo es zwischenzeitlich schön war, leben wir wieder zwischen Kartons. Wohin nur mit all den Sachen? Ein Bett steht wieder – erinnert an den mongolischen „Kang“. Michael hat darauf Kissen, Decken und Felle drapiert – ein ausgeprägter Sinn für Behaglichkeit! Heute Abend kommt Jakob. Woanders helfen Söhne, bei uns ist es anders. Einer ist nicht mehr unter uns, einer sitzt im Gefängnis und der letzte ist etwas entrückt und seinerseits angestrengt. Michael hilft mir, ein Willkommensgefühl zu entwickeln, hat mir gar „verboten“, den Zustand der Wohnung als Foto zu schicken – das käme einer Ausladung gleich. Auch wenn mir unvorstellbar ist, wie das gehen soll (Anna kommt am 20.) hat es guten Einfluss auf mich, dass es für Michi nicht in Frage kommt, Bedenken zu äußern.

Überhaupt ist alles anders. Jetzt habe ich – auch bei denkbar anderen, um nicht zu sagen konträren Konditonen – ein Stück weit Ines‘ Perspektive. Am Telefon mit Beate sage ich: Michael hat das Essen fertig, ich ruf zurück. Ich hoffe, dass unser urgemütliches, aber geistloses Glotzen am Abend nicht zur Gewohnheit wird. Die Sessel stehen derzeit mitten im Raum, haben eigentlich keinen Platz mehr – man muss klettern und schieben, um aneinander vorbeizukommen. Einmal waren wir zusammen einkaufen; das will ich nicht unbedingt wiederholen – peinlich spießig. Abends saufen wir Wein und Likör. Als ich nach Eckes griff, etwas verschämt, griff eine alte Dame imselben Moment auch danach. Wir zittern vor der Übergabe, vor dem, was noch auf uns zukommt, vor der Rechnung des Entrümplers und vor dem dicken Ende.

Bei der Diakonie wollte einer dieser Banausen bei zwei meiner „Mamistühle“ mit Wiener Geflecht, den Thonetstühlen, meinem 50-er-Jahre-im Elternhaus Klavier- und jetzt PC-Stuhl, teilweise die Nase rümpfen. Da hat es mir gereicht. Die könne ich unmöglich wegschmeißen, Originale, bitteschön das Etikett, die reißen Sie Ihnen aus den Händen. – Ein junger Israeli dagegen, der gerade in der Nachbarschaft in eine WG einzog, fragte schüchtern – er habe gar nichts, ob er vielleicht mal schauen dürfe. Michael sagte, es sei eigentlich nichts mehr da. Dann fand er doch noch zwei Stühle, unseren letzten Tisch, etwas Geschirr, die Frenchpress- Kaffeekanne. Am Ende schleppten er und sein WG-Kumpane noch den Trockner zu sich, in dem eben noch Kissen und Decken für den Container trockneten. Kurzerhand habe ich am nächsten Morgen noch den geliebten Lehnstuhl meines Vaters bei ihm abgeliefert.

Jetzt muss das Werk noch vollendet werden, evtl. erst nach Weihnachten. Wie teifgreifend anders es zu zweit hier ist (bis dahin, dass ich gestern zusammengezuckt bin, als Michael ums Eck kam), spüre ich jetzt schon – abgesehen davon, dass wir unterschiedliche Essbedürfnisse haben und jetzt statt einmal pro Woche täglich die Spülmaschine läuft. Bisher finde ich es schön – wenngleich ich keine Ahnung habe, wohin die relative Autonomie flöten gehen soll. Ein völlig neues Lebensgefühl. „WIR statt ich“ – hoffentlich im gesunden Maß – mit Platz für „ICH trotz wir“.

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Es ist sehr interessant, dass du das Leben jetzt schon nach wenigen Tagen als tiefgreifend anders (und auch schön) empfindest. Michael ist wirklich ein großer Schatz, allein daran zu erkennen, dass er es euch beiden behaglich machen will und so viel Zuversicht verströmt, dass es auch mit Besuch an Weihnachten schön wird. Lustig die Vorstellung, wie ihr in euren großen Sesseln Likör trinkend und fernsehend jedesmal übereinander klettern müsst, wenn einer aufstehen will. Ich hoffe, dass die Abwicklung der Pension jetzt schnell geht und keine bösen Überraschungen mehr kommen. Dann kann der neue Lebensabschnitt beginnen.

  2. Beate sagt:

    gegen Ende wird es schlimm und schlimmer. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die leer geräumte Pension jetzt aussieht. Und doch ist so viel geschafft, so viel bereitet für den Neuanfang . Wein und Likör trinken im tiefen Sessel- wenn alles drumherum mal seinen Platz gefunden hat, ist das doch der Inbegriff wunderbarer Zweisamkeit-ein schönes Bild von Behaglichkeit !

  3. Renate sagt:

    Küche jetzt doch raus? Das Chaos bei dir zu Hause, dem Michael doch Gemütlichkeit abtrotzt, kann ich mir gut vorstellen, ebenso eure Kletteraktionen über Stühle und sonstiges Mobiliar. Mit Likör und Wein mittendrin im Durcheinander, trotzdem eine gelungene Vorstellung. Andere würden durchdrehen, Michael bleibt selbst da noch gelassen und macht es euch behaglich.

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