2024-01-13 – Raus aus dem Kokon und alles auf einmal: Handysprechstunde, Chor, Telefonat, Joan Baez, Margot und „Zumutungen“ in der Schreibgruppe

Mir war, als ob ich aus meinem Kokon aus seliger Ruhe vertrieben würde, ohne doch eigentlich Stundenplänen folgen zu müssen. Am Montag mein erster „Termin“: Handysprechstunde im ASZ. Beim Warten viele Menschen – dabei hochelegante Erscheinungen. Als ich einen Begleiter fragte, zu welch interessanter Veranstaltung diese strömten: zum Lesen. Dann aber hinter vorgehaltener Hand: Demenzgruppe! Mein Ziel allerdings war Herr Greger, der mein Handy bzw. die verlorenen Whatsapps einrichten sollte. Zu den 5 Euro/Std brachte ich ihm noch eine Flasche Wein mit. Ich bin dankbar, erlebe das aber freudlos, spüre seine Langweile und lerne nichts dabei. Auf dem Heimweg an meiner Kreuzung nahm ich erst das Hupkonzert wahr, dann Menschen mit Handys, manche applaudierten (wie 2015 bei ersten Zügen mit Geflüchteten, um die neue Willkommenskultur zu demonstrieren). Kolonnen von Landwirtschaftsfahrzeugen.

Dienstag Singen in geschrumpfter Runde. – Nachmittags Telefonverabredung mit Olivier, einem Mitbewohner von Simon in Hamburg, der jetzt Bücher schreibt und mich bezogen auf etwas, das bei ihm durch Simons Tod bewusst wurde, sprechen will. Zweistündiges Gespräch, seit Dezember geplant. Jetzt war der Zeitpunkt. Große Freude über die Kontaktaufnahme! Ich sehe ihn vor mir — in der Wohnung, auf der Bühne, am Tag nach Simons Tod bei Siine und Flavio in der WG mit Freunden, bei der Trauerfeier in Hamburg. Sein Thema: die Korrelation zwischen Armut und (psychischer) Erkrankung. Inzwischen hat er mir einen aktuellen, noch unveröffentllichten Text mit einer Passage über die Wirkung von Simons Tod auf sich sowie sein Buch von 2022 geschickt. Die Textpassage wollte er rücksichtsvoller Weise nicht ohne Rücksprache rausbringen. – Von Joan Baez‘ Film ergriffen, beinahe überwältigt. Als sich die Geschichte zunehmend auf ihre psychischen Probleme und den unweigerlichen Missbrauch konzentrierte, bin ich auf Abwehr gegangen. Dennoch sehr zu empfehlen. Diese Erscheinung, diese Stimme, dieses soziale Gewissen von Kindesbeinen an! Ich bin zurückgeworfen wie schon literarisch durch „Licht“. – Mit Margot nach ihrer langen Reise im Tribeca. Auch unser Gespräch wanderte zur Armut. Jetzt hat sie mich zur Armutskonferenz am 24. Januar eingeladen. – Samstags-Schreibgruppe von hoher Intensität. Eine Teilnehmerin schwer erkrankt im Krankenhaus – sie habe ich abends besucht. Diesmal scheint sie davongekommen zu sein; das sah Anfang der Woche ganz anders aus. Eine andere hat ebenfalls eine schwere Diagnose und folgte ihrem Muster – wie sie sagt – wollte aussteigen, sich verabschieden, kam ohne Stift und Papier, erlaubte dann aber doch Feedbacks, stimmte sich um, blieb dabei, war am Ende dankbar darum. Wiederkehrendes Thema: Wieviel kann ich einer Gruppe zumuten, kann ich mich zumuten, wieviel (er-)trägt ein System? Umgekehrt: Wie wichtig bin ich darin, ist es ohne mich überhaupt noch dasselbe?! Was bedeutet ein Rückzug für mich, was für die anderen? Tiefgreifender Prozess. – „Zumutung“ durchdrang den Vormittag, ließ vielfältige Erinnerungen hochsteigen. Heute ist Umwandlung, Integration gelungen; sie bekam den Sitzsack, eingehüllt in Decken – unser Platz für „Schutz-Bedürftige“, für Rückzug oder Regression. Sie konnte es gut annehmen und legte am Ende einer anderen, die von alledem mitgenommen war, ihre Decke um die Schultern. Momente gegenseitiger Fürsorge. Die drei Könige haben auch heute ihren sinnstiftenden Beitrag geleistet – ohne sie wäre es anders gelaufen, schlechter. Zwei Kranke – eine im Raum mit dem Fuß in der Tür, eine in bedrohlicher Lage – im Mittelpunkt vertreten durch ein Buddhabild mit Blüte im Schoß. – Diese Einblicke in eine Gruppensitzung müssten eigentlich bei mir bleiben – ich nenne keine Namen und hoffe, ich gehe nicht zu weit, vertraue es dem Papier an, um damit nicht allein zu sein; es war nicht einfach. Jeder „Schachzug“ ein Wagnis. Es muss hier „im Raum“ bleiben.

Heute Christel Zepters 104. Geburtstag. Fabian hat eine Telefongenehmigung bekommen, wochenlang beantragt. Hoffentlich konnte sie in diesem Moment irgendetwas hauchen – Punkt 13:00 Uhr.  – Mich durch Austers „Baumgartner“ zu Ende durchgequält. – Neuigkeit: ein ZeitAbo auf Probe.

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4 Kommentare

  1. Beate sagt:

    ich war ganz ergriffen von dem, was Du über das Telefonat mit Olivier schreibst! Er beeindruckt mich, ohne dass ich vorher von ihm gehört habe, mit der Wahl seines Themas und vor allem auch damit, dass er mit Dir Rücksprache sucht, bevor eine Passage über Simon veröffentlichen wird.
    Und die Oma Zepter hat ihren 104. Geburtstag! Meine Mutter würde Ende März 107 Jahre alt werden. Was für ein Segen für sie und uns alle, dass sie ihren 104. Geburtstag nicht erleben musste!
    Raus aus dem Kokon- das „passiert“ manchmal ohne eigenen Drang dazu!

  2. Ines sagt:

    Der Verdacht auf Missbrauch im Joan Baez Film hat auch bei mir Widerstand erzeugt. Es ist fast so, als hätten die Therapeuten in der Zeit die Patienten dahingehend manipuliert. Denn „es“ nicht zu erinnern heißt ja nicht, dass es nicht passiert ist. Der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit ist schon vielfach beschrieben und belegt worden. Was mag es sein, das Simons Mitbewohner daran interessiert? Deine Schreibgruppen entwickeln sich zu richtigen Psychogruppen
    Gut, dass du die Systemische Ausbildung im Rucksack hast. 104 Jahre ist auch für heutige Zeit richtig alt.

    • Heike sagt:

      Zum Thema Armut: O. schreibt eher über sich, über seine Geschichte und wie langsam sein Bewusstsein darüber erwacht ist. Nicht die erforschten Zustände, bei denen man als Betroffener gar nicht auf die Idee kommt, damit gemeint zu sein, sondermn das am eigenen Leib Erfahrene – das er natürlich mit offiziellen Bilanzen unterfüttert. Er ist zweimal schwerst köperlich erkrankt, psychisch sowieso, hat sich durch ein Schlüsselerlebnis dem Schreiben zugewandt, vielleicht sogar wieder ins Leben geschrieben und sein Anliegen ist eben nicht rein persönlich, sondern gesellschaftlich. Wie das heute so ist hat er einen Blog, schreibt journalistisch dazu und hat wohl bis zu zwei Auftritte damit pro Woche. Junge Leute, eben nicht solche, die sich als „arm“ verstanden wissen wollten oder sich gar selbst so betrachtet haben, folgen ihm und sind dankbar um die Tür, die sich ihnen dadurch öffnet. Es ist eben nicht die Kategorioe „Bissverkäufer“, sondern eher außerhalb dieser Klischees.

  3. Renate sagt:

    5.500 Traktoren waren in München. Hat Herr Greger dein Handy einrichten können? Auch wenn er nicht gerade euphorisch war. Achtsam, der Mitbewohner von Simon, dich miteinzubeziehen. Armut und Krankheit höre ich in letzter Zeit oft, auch im „reichen“ Deutschland ein großes Thema.

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