23-01-01- Tod des Papstes – auf Stöcken wohlgemut ins Neue Jahr – soziales Leben in neuer Blüte
Zum ersten Mal die Zahl 2023. Neujahrstag, fast 20 Grad, Meisen, Gänseblümchen. Spaziergang zu den Gräbern, heute mit Stöcken. Kürzlich den Styroporschmuck kurzerhand entsorgt. Heute neu: rote Plasikäpfelchen mit Kunstnadelzweig, Rauhreif überpudert. Ein zweiter scheußlicher Engel sitzt dabei. Heute waren Alle mit Stöcken unterwegs, da kommt man sich weniger bescheuert vor. Viel Böllermüll, aber der Himmel nicht verhangen, sondern blau; kein Gestank wie befürchtet. Sogar nachts konnte das Fenster gekippt werden. Heute hat Michael hier geschlafen, wir haben ein zu schmales Bett geteilt. Ich war sicher, kein Auge zugetan zu haben. Dafür hätte ich ihm zu selig ins Ohr geschnarcht. So ändern sich die Zeiten, was Romantik betrifft.
Dank eines ungewollten Tipps durch Beate, die schrieb, sie wollte in „Alice“ gehen, habe ich gestern kurzentschlossen zwei Karten fürs Metropoltheater ergattert, was uns erst in zeitlichen Stress versetzt, Silvester aber erheblich aufgepeppt hat. So bin ich begeistert über diese gestrige Vorstellung, komponiert von Tom Waits bereits 1992; tolle Sänger, akrobatische Schauspieler, skurrile Poetik, schwer durchschaubare Handlung in diesem wirklich kultigen Theater, das spürbar den 68-ern entspringt. Danach direkt zum Ort des eigentlich geplanten Geschehens durchgefahren, das dann nicht stattfand, dafür in kroatischem Gottesdienst gelandet, in dem viel auf dem blankem Steinboden gekniet wurde; angenehm war die Andacht besonders, weil wir kein Wort verstanden. Danach herumstrawanzt; am Tollwood standen Menschen in einer über 100m langen und breiten Schlange an, nur um auf das Gelände zu kommen. Durch den unverhofften Theaterbesuch hat sich unsere Essensplanung verschoben, sodass wir nicht mehr kochen wollten, stattdessen spontan indisch einkehrten, wo wir – ohne Reservierung – irgendwo dazwischen gequetscht wurden. Reizende Tischgemeinschaft mit indischem Pärchen auf Flixbusdurchreise – richtig herzlich und schön war das. Wie heute am Friedhof, wo auch alle Leute so nett waren. Dann hatte Michael den Film vergessen, den wir gern anschauen wollten; stattdessen „Brot und Tulpen“ eingelegt, das hatte ich vorrätig; da gab es was zu lachen, zu weinen, noch dazu Akkordeon und schon ging das Geböllere los – als seien die meisten Menschen gänzlich sorglos um unsere Welt. Schrecklich, was man von Berlin hört, wo Hilfskräfte beim Löschen mit Böllern beworfen und verletzt wurden; ein 17-Jähriger erlag in Leipzig den Folgen seiner Silvesternacht. Gut, dass das unser Papst nicht mehr erleben musste. Er segnete noch am Morgen das Zeitliche. Gott hab ihn selig! Für uns war alles zwanglos – ohne gefürchteten „FreuDruck“.
Was mir so schwer verzeihlich ist – die Abwendung von Menschen, wenn sie sich verpartnern – meinerseits leider auch schon praktiziert – beobachte ich jetzt andersrum an mir. Durch den Wegfall von Gregor, der soviel abgedeckt hat mit immerwährendem Gesprächsfluss und mich dadurch „besetzt“ hielt – werden bei mir neue Bedürfnisse und Kapazitäten frei. Vielleicht auch durch das Ende des beruflichen Lebens, zu dem so viel gehört? Wie 18 Jahre lang in Trauermodellen (Systemblüte nach Satir) dargestellt: Fällt ein Lebensbereich weg, kann ein anderer Fahrt aufnehmen; das ist Resilienz. So entsteht neues soziales Leben, wofür mir lange die Kraft und vielleicht auch die Notwendigkeit gefehlt hat. Jetzt gibt es Empfang zum Tee, spürbar mehr Besuch als vorher; andere gehen zusammen spazieren, das kommt vielleicht wieder? Ich aber mag „daheim“. Gute Gespräche und unglaublich wohltuend: Zeithaben als neuer, unbekannter Gefühlszustand. Etwas erwacht zu neuem Leben, was lang untergeordnet war. Auch habe ich am 26.12. eine alte Bekannte erstmals nach Simons Tod wiedergetroffen. Unsere Großmütter und sogar Mütter waren schon befreundet. Sie ist mir nicht wirklich nah, aber doch sehr lieb. Sie hat mich in Christkönig gesehen, auf mich gewartet. Große Wiedersehensfreude! So habe ich also Menschen um mich. Immer ist das Thema Freundschaft so wichtig für mich – zumal ich sehe, sie bedeutet uns allen Unterschiedliches! So habe ich dieser Tage, beflügelt durch bereinigende Gespräche, an Gregor einen Brief abgeschickt. Es könnte der letzte Kontakt zu ihm gewesen sein. Das, was nicht mehr ist, ist jetzt besiegelt. Fürs kommende Jahr wünsche ich mir, dass das quälende Selbstgespräch verebbt, dass ich über dieser Enttäuschung nicht verbittere und gleichzeitig alles Berufliche davon beschmutzt und von mir in Frage gestellt wird. Michael sagt, eigentlich hätte ich es doch immer – irgendwie – gewusst. Ob ich mir vielleicht vorstellen kann, mich einfach nicht so wichtig zu nehmen? Sowas darf mir nur Michael sagen! Und: Ich brüte daran, wie ich unser zukünftiges Zusammenleben mit meinem persönlichen, ganz eigenen gut zusammenbringen kann. Eine sehr wichtige Aufgabe.
Dein Beitrag liest sich wie der Beginn von Neuem auf verschiedenen Ebenen. Freundschaft, Partnerschaft, Freizeitgestaltung, Zeit haben und Offenheit für Überraschendes. Ich bekomme ein beschwingtes Gefühl. Die Tür zu Gregor würde ich nicht ganz zu machen, hab ich dir ja schon mündlich gesagt. Sehr spannend finde ich den „Vorsatz“, das zukünftige Zusammenleben mit Michael innerlich und äußerlich vorzubereiten.
Die Bettszene ist köstlich. Ein buntes, lebhaftes Programm hattet ihr. Da war alles dabei. Sehr aktiv bist du, ganz entgegen deiner Prognosen. Oft unterwegs und viele Hausbesuche. Wie es sich mit Herrn Linnemann entwickeln wird? Ob es noch Entwicklung geben kann, weiß man’s. Nach langen Jahren des Alleinwohnens wird das Zusammenbringen eurer unterschiedlichen Bedürfnisse eine Herausforderung.
Zunächst freue ich mich sehr, dass „Alice“ ein spannender Auftakt in den Silvesterabend war! Ob sich mit Gregor die Freundschaft fortsetzen lassen wird? In einer neuen Form? Ihr hattet doch so viel miteinander!
Und dann die Perspektive , mit Michael zusammen zu wohnen: das ist spannend und ich wünsche Euch alles Gute dafür!