2024-02-24 – Leerzeiten, unverhofft gefüllt – 7. LekTüren-Himmel – Schygulla, Hobmeier + Strohwitwe

Eine eingeplante „Leerzeit“ wäre beinah durch eine nette Idee aus dem Kreis der Exkolleginnen (durchaus nicht alles Ex-en!) durchkreuzt worden: Nachmittagsvorstellung im Cinema. Mir kam eine Erkältung dazwischen, angebahnt über Magen-Darm und leise Übelkeit. Einfach so hätte ich sicher nicht nein gesagt. – Am Montag Aetas. Eine Teilnehmerin sagte, sie genieße es, Dinge zur Sprache zu bringen, die „in der Welt draußen“ überhaupt keinen Platz hätten. So ist es – freut mich, wenn es wahrgenommen wird.

Dienstags-Singen gestrichen, um seelisch 100% für den LekTüren-Auftakt eingestimmt zu sein. Ein großer, wichtiger Tag für mich. Mir scheint, die Zeit der Reifung begann nicht mit dem konkreten Plan, sondern schon Jahre, in gewisser Weise mein Leben lang. Ich bin glücklich, dass sich eine kleine Gruppe darauf einlässt – nicht ohne Krankmeldungen fürs erste Mal. Mein „Konzept“ wird akzeptiert, zumal die Anwesenden keine Vorerfahrung mitbringen oder einfordern würden, was Literaturkreise sonst bieten oder zumuten. Soweit ich weiß gibt es nichts Vergleichbares. So schwebe ich auf Wolke7. Es könnte – „regelmäßig angewandt“ – zu einer gemeinsamen „Einverleibung“ führen und dem bekannten Leiden schmerzlicher Leseeinsamkeit abhelfen. Ausgerechnet dort begann meine Nase zu laufen. So habe ich anschließend zwei Tage, brummschädelig, im Bett verbracht.- Am Donnerstag dann die Gewissensfrage: Hanna Schygulla? Kann ich mich der Umwelt so zumuten? Geplant war Beate, die ich aber nicht anstecken wollte – doch dann hat sie das Risiko auf sich genommen. Vor dem Einlass überfiel mich Barbara P., eine Kollegin aus dem Umfeld, und stiftete mich zu allerlei Indiskretionen an – krachert, wie sie drauf ist. Beate nannte unseren Dialog „bühnenreif“. Hanna Schygulla dann hat uns tief berührt. Wie ein Schiff schwankte die betagte Diva ins Rampenlicht, sichtlich unter Schmerzen, in einem Aufzug, den sie meinem Schrank entliehen haben könnte. Dieses unvergleichlich sonnige Gesicht – Jubel – ihr Blick ins Parkett und in die Ränge: „Voll. So mag ich’s.“ Wenn heute auch das Wort „Ikone“ inflationär gebraucht wird – sie ist es. Lesung „Marieluise. Ein Bericht.“ – gemeinsam mit einer Musikerin. Im Gegensatz zu manch Bronchitiskrankem im Publikum überfiel mich nur kurzzeitig das Kitzeln im Hals, das ich dank Bonbon niederringen konnte. Noch ist Beate gesund. Hoffentlich bleibt’s so. – Am Freitag frei. – Die für Samstag in Erwägung gezogene Vogelführung (für mich alleine) lasse ich aus. Noch schonungsbedürftig stecke ich meine Kräfte ins Aufräumen, denn abends putzt Ursula. In dieser Zeit treffe ich Alexandra zur Ilias-Lesung mit Hobmeier/Moretti im Künstlerhaus. Was ist das Sprechen nur für eine hohe Kunst! Hinterher waren wir im 25-hours am HbF, durften eigentlich nicht da sitzen, wo wir saßen und blieben dann doch – immer mehr taten es uns gleich. Wunderschön und saugemütlich – starke Gesprächsinhalte – spät heimgekehrt.

Seit Donnerstag bin ich Strohwitwe. Michael besucht seine kürzlich verwitwete Patentante in Köln und hilft bei ihr. Anstatt meine Freiheit gepflegt zu genießen lasse ich mich in jeder Hinsicht gehen – schändlich.

Aber ich „arbeite“ bzw „es arbeitet“ unablässig in mir. Ich schreibe auf, was sich strahlenförmig entwickelt. Ich habe ein Heft und ein „Materialtäschchen“ für W.M. angelegt – ich liebe es jetzt schon. Susanne kommt beim nächsten Mal schnuppern. Martha, diesmal krank, eigentlich keine Leserin, auch. Diese Art des literarischen Gruppengeschehens soll ein Anker jenseits aller Aktualitäten sein. W.M. im Verein mit beigesteuerten Texten – idealerweies korrespondierend mit dem gemeinsam Erlesenen – könnten zu einem „systemisch-interaktiven Vor-Leseprozess“ werden. – Für mich allein habe ich eben zwei Doerry-Bücher im Nachgang zur Lesung mit Melles beendet, bin in „Herzzeit“ gelandet – Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Max Frisch, tendiere am meisten zu Dichter-Briefen und -Biografien. Schöner ist es, wenn ich schon entschieden eingemündet bin.

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Vielleicht hab ich nicht aufgepasst, aber für was steht W.M.? Trotz Krankheit hattest du eine erfüllte kulturelle Woche. Es freut mich, dass du dein über Jahrzehnte schon innerlich entwickeltes Konzept einer „Lese-Gruppe“ jetzt anfängst in die Tat umzusetzen. Das ist befriedigend und aufregend. Daran, dass du jetzt manchmal etwas mit Alexandra alleine unternimmst, muss ich mich gewöhnen. Bis jetzt war sie in meiner Wahrnehmung immer zu absorbiert von Arbeit und anderen Dingen. Aber vielleicht ändert sich da gerade etwas, weil die Kinder nicht mehr im Haus sind.

  2. Renate sagt:

    Wie schnell rutscht einem was raus. Bin gespannt ob von Frau P. eine Bemerkung kommt. Sie hat im Moment jemand auf der WL. Der Auftakt zu den LiteraTüren gelang gut und mir macht das Vorlesen Spaß. Gestern nochmal von vorne angefangen. Der Kleiderstil von Hannah S. ist deinem wirklich sehr ähnlich. Ich höre ihre Stimme deutlich, unverwechselbar.

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