2024-03-23- Mehr Lese- als „eigentliches“ Leben vs. Terror bei Moskau – Gruppen als Zeit- und inhaltliche Wegmarken
Der (letzte) „freie“ Sonntag eine Wohltat. Der Verlockung eines Klarinettenkonzerts widerstanden! Stille. Frühstücken in Ruhe. Jon Fosse deprimierend – ausweglos die Dialoge, fatales Gefangensein in beziehungsloser Verstrickung. Endlich mal wieder Timofeis Garten – trotz abgebrannter Kapelle eine Oase des Friedens. Füße und Beine nicht bleischwer wie am Vortag beim Pflastertreten in der Stadt. – Der Montagschor eine „Verpflichtung“, aber energiespendend. „Unsere“ Russin diesmal weniger verzopft gekleidet, lockerer, erleichtert und gelöst nach Zertifikat zur Anerkennung ihrer Qualifikationen. Ich fühle mich anspruchsvoll, aber unkompliziert geleitet. Michael kocht. Ich werde verwöhnt wie ein Kind. – Abends Aetas. Was im Hospiz die Warteliste für mich war, mit der ich mich allzeit beschäftigen konnte, sind jetzt meine Schreibgruppen. Das habe ich wohl schon öfter gesagt? Zwei vom Schnuppertag wollen weiterschreiben – was genau empfehle ich? Eine hat sich schon bei Dasein für Mai angemeldet.
Dienstag wieder Singen. Eine Neue, der ich von meinen zwei Chören erzählt habe, fragt, für welchen ich mich entscheiden würde, wenn ich müsste… Wieder wurde ausgiebig zwischendurch geredet – Gift für den musikalischen „flow“. In der Stadtbücherei erneut nach Büchern geschaut, die nicht da waren (haben sie niemals, was ich suche!?) – zentnerweise andere Bücher abgeschleppt, teils fette Wälzer. Austers „In Flammen“ und KöhlmeierMärchen; La Fontaine, Modick, Timm. Für mich ist es unmöglich, an anderen Verlockungen vorbeizugehen. Angeregte Mittagsstunden mit Susanne. Abends Karten für die Falkenbergschule über Kammerspiele. Schauspielschüler des zweiten Jahrgangs sollten Monologe und Szenen spielen. Der Einlass zu, man stand auf dem Hof, fühlte sich als Eindringling. Keiner begrüßte, null Hinweis – abweisend. Hauptsächlich die Schauspieler selbst und deren Familien? Also wieder abgezogen. Zu Hause „Hidden Figures“ über drei afroamerikanische Mathematikerinnen bei der NASA zu Zeiten der Rassentrennung angeschaut – sehr sehenswert. Zwei Tage „frei“. Im Englischen Garten flaniert. Abends Film über Solschenizyns Archipel Gulag gesehen – in die 70-er versetzt, als das Buch bei uns auftauchte und mir meine Mutter den Titel erklärte.
Am Freitag Peergruppe. Gehobene (Ein-)Stimmung, Vorbereitungslust. Jetzt geht mir alles nach. Hoffnungsschimmer auf Kontakt zu einer EMDR-Therapeutin über Alexandra. – Nach der Gruppe ist vor der Gruppe. Für Palmsonntag liegt alles bereit. Gottlob muss ich für den Weg zu Renate vor die Tür. Kalt und windig – kein Fahrradwetter? Lebe ich beinahe körperlos? Was ist Leben? Ist es das, was ich denke, fühle, vorhabe, was mich anzündet, wobei Zellen ausgeleuchtet werden, die im Dunkeln liegen, von deren Existenz ich ohne Anstöße nichtmal ahne, oder ist Leben das was ich tue? Sollte es letzteres sein wäre mein Leben gar kein richtiges. „Ein Leben in Mahlzeiten“ dagegen bildet wieder eher das Körperliche ab. Muss mein Körper sich durch Schwere bemerkbar machen? Karsamstagsstimmung, eine Woche verfrüht. Ich versinke in Lektüren – angeflogen vom quälenden Gefühl, nie im Leben zu schaffen, was ich noch lesen will, soll, muss – zu schweigen von dem, was ich gern wiederlesen würde. Diese Vorhaben werden ja nicht weniger, im Gegenteil vervielfältigen sie sich durch Viellesen! Über Bücherverbrennungen könnte ich zunehmend die Nerven verlieren – was für eine katastrophale Barbarei.
Gerade sind die Leihgaben dran. „Montaignes Turm“. Von Timm hatte ich mich kürzlich getrennt. Sollte ich ihn wieder anschaffen? Wie nehme ich heute Lektüren anders auf. Immer mehr haben sie mit mir und der Welt zu tun; zunehmend lebe ich in ihnen. Vor allem leben sie in mir. – Nachrichten von Krieg, Terroranschlag, Schuldzuweisungen und was die Welt schon wieder alles „weiß“, das alles ertrage ich kaum mehr.
Ich glaube, dass das Handeln untrennbar mit dem inneren Erleben verbunden ist. Das lässt sich nicht trennen. Ob du liest, isst oder spazieren gehst, immer gibt es dazu ein Erleben von Gefühlen und Gedanken und umgekehrt.
Wir sind Lebewesen. Die Frage was ist Leben? Finde ich diese Frage wichtig? Ich glaube du hast dich, wie die meisten Menschen, eingerichtet in deinem Leben. Es gibt Dinge die dich erfüllen und Dinge mit denen du haderst. Ich glaube nicht an eine Umkehr oder die Möglichkeit einer größeren Veränderung eines Lebens, außer wenn das Schicksal einen zwingt die Richtung radikal zu ändern.