Tage im Ruhrgebiet und ein Artikel

Aufbruch ins Ruhrgebiet, Zwischenstopp in Düsseldorf, Suzanne, meine Nachbarin damals in der letzten Berliner Wohnung, holte mich vom Bahnsteig ab und wir gingen in ein Café. Was hatte sie alles zu erzählen, besonders vom Haus in der Eifel, das sie gerade baut, nach den neuesten ökologischen Maßstäben. Von ihrem Mann, der in Düsseldorf aufgewachsen, mit seiner Aikidogruppe seinen Alltag fest verplant hat, gilt es, die Woche so aufzuteilen, dass sie sich überhaupt noch sehen, und da gibt es noch die Familie der Tochter in Köln… Suzanne hat immer alles fest im Griff, immer neue Pläne, die sie stets mit Erfolg umsetzt. Als ich vor 14 Jahren die Möglichkeit gehabt hätte, so etwas wie den Bau eines neuen Hauses in Angriff zu nehmen, habe ich mir gedacht „wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr..“- so ein Projekt hätte all meine Kapazitäten überfordert, von mangelndem Mut und Initiative ganz zu schweigen. Nachdenklich stieg ich in den Regionalzug ins Ruhrgebiet. Und steckte fest: Ein Baum war auf die Schienen gefallen, alle mussten aussteigen und eine geschlagene Stunde in der Pampa frieren, bis der nächste Zug anrollte, der dann auf ein anderes Gleis umgeleitet wurde. Die Planspiele fanden in der Heinrich Böll Gesamtschule statt. Ich hatte je 11 Schüler in meiner Gruppe (sonst sind es 5 oder 6), es war anstrengend, obwohl sie gut mitmachten. Sie hatten fast alle Migrationshintergrund, viele junge Frauen mit Kopftuch, viele junge Männer mit Imponiergehabe, alle in der 12. Klasse, also kurz vor dem Abi stehend. Die Lehrerin ein wahres Kaliber, die Einen auf dem Handy anrief: „Schäl dich aus dem Bett und komm in die Schule!“ Wenn sie in Erscheinung trat, wurde es still im Raum. Mit meiner bayerischen Freundlichkeit kam ich bei ihr nicht an! Bevor ich mich in den Zug nach München setzte, ging ich in Duisburg noch ins Lembruck Museum. Das Ruhrgebiet, so unglaublich häßlich die Orte sind, beherbergen sie wahre kulturelle Schätze, das hatte mir Suzanne bei meinen letzten Besuchen in mehreren Orten schon gezeigt

Im neuen Spiegel ist ein Artikel über Hanna Schygulla. Als ich das Foto sah, das sie in ihrer Pariser Wohnung zeigt, dachte ich: Es hätte bei Heike entstanden sein können, die Atmosphären die das Zimmer ausstrahlt, ist für mich nahezu identisch. Als ich dann den Text las, einen Auszug aus ihrem Buch, habe ich sehr weinen müssen: Auch sie ist ein Kind von Flüchtlingen, auch sie hatte einen Vater, der viel Wut in sich trug und auch sie hat  in seinen späten Jahren mit ihm im Herzen zusammengefunden und eine kostbare Zeit mit ihm gehabt. ich habe keine Freundin, keinen Freund, mit dem ich mein Schicksal als Flüchtlingskind teile. Der Zweite Weltkrieg, Flucht und Vertreibung waren schon seit meinem Studium ein besonderes Interesse. In und mit (Fach-) Literatur hat für mich Aufarbeitung der Geschichte meiner Eltern stattfinden können.Und dann lese ich diesen Artikel und bin mal wieder darin bestätigt, wie präsent das Aufwachsen als Flüchtlingskind bis ins hohe Alter ist .

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2 Antworten

  1. Heike sagt:

    Ach Beate, da ist jetzt soviel drin in deinem „Artikel“! Wo fange ich an? Einmal – fand ich – bist du mit diesem Aspekt deiner Geschichte schreibend in Berührung gekommen und hast Gehör gefunden. Das war, als wir mit Anna bei mir das Thema „Architektur“ hatten. Was für eine Einsamkeit!!! Dann die Kälte auf’m „Abstellgleis“, die Klasse bzw die Mentalität der Lehrerin, mit der es diesmal nicht 100% leicht ging, die Gedanken über das nicht gebaute Haus… Mich hat mal eine Bekannte hier aus dem Sprengel gefrustet, als sie den Ruhrpott bzw ausdrücklich Duisburg schlechtredete, dort gäbe es gar nichts. Denn genau das, was du beschreibst, hatte ich auch gehört und wollte dort mal hin. Banausin konnte ich nicht sagen, denn sie war eine, die alles wusste!

  2. Ines sagt:

    Für mich war es nie ein Ziel, ein Haus zu bauen, diese vielen Entscheidungen und die Arbeit kann ich besser anders einsetzen. Die Städte im Ruhrgebiet kenne ich auch nur hässlich, aber die Menschen sind oft identifiziert mit ihrer Heimat und lieben sie, zum Beispiel in Bochum. Mein Vater ist auch als Kind geflüchtet. Ich selber hätte mich nie als Flüchtlingskind bezeichnet, das war er. Aber, anders als dein Vater, trägt er keine Wut in sich, sondern eine extrem positive Lebenseinstellung, die mich geprägt hat.

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