2024-04-27 – h-moll – Besuch mit Goldstück – Kiefer „kennengelernt“ – Virginia, Kafka, Sterben – sturmfrei – am Friedhof beklaut
Die h-moll Messe soll – wie Michael sagte – der letzte Bach für ihn gewesen sein. Obwohl es seine Idee war, dorthin zu gehen, fand er das beste daran „nur eine Stunde“ – dabei wurden es über zwei – Folterbänke zum Rückenbrechen – allein das Kyrie eine gefühlte halbe Stunde. Mich hat es begeistert, wenngleich ich die Karten überteuert fand für nicht gerade astreinen LaienChor und -Orchester, was zu gewissen Zumutungen führen kann – besonders bei dieser schrägen Komposition, die ineinanderfließt und nach Auflösung lechzt. Charmante SolistInnen: bescheiden-sittsam bis zu triumphal in Siegerpose !
Montagschor – Freude! – Besuch von Beate „auf ein gemütliches Tee-Stündchen“, aus dem vier wurden. Herrliche Geschenke für meine Preziosensammlung – Goldstück (Schatzhöhle, irdische Güter), weißer Schwan (Leda, hässliches Entlein, Zauberei), Magrittes Fußstiefel – von denen träume ich schon lang!! Und Schygulla-Artikel!
Knausgard verschlungen – müsste ihn nochmal lesen!! Wie immer scheint er zumächst „einfach nur vor sich hin“ zu schreiben und zieht mich unmerklich gegen Ende in das Gefühl, als sei ich in Kiefers gigantomanischer Werkstatt, im Auto, im Schloss, im Schwarzwald, in Donaueschingen, Paris, der Provence dabeigewesen und würde ihn ein Stück weit kennen. Keine rein kunstverständige Betrachtung – eher, wann Kiefer nach seiner Beobachtung wieder Kind sei; Knausgard schreibt, was er sieht, hört, beobachtet, und er beobachtet genau! Fragt auch so gründlich! Fügt nichts hinzu, kennzeichnet, was er nur für seine eigene Vermutung hält, und natürlich blitzt sein umfassender, besonders literarischer Horizont, durch. Als jemand in Gesellschaft ihm zuraunt, er habe „sein“ Buch gelesen, hat er es nicht nötig zu fragen „welches“ oder dem Leser gegenüber klarzustellen, wieviele seiner Bücher durch die Welt gehen. Insgesamt fächert er einen ganzen Kiefer-Kosmos auf.
Dienstagschor – zum drittenmal – ausfallen lassen. Stattdessen in Susanne Kuhlendahls „Virginia Woolf“ Grafic Novel abgetaucht. Wieviel an Homo-, Bisexualität und Promiskuität damals gelebt wurde, wie emanzipiert die Frauen dieser Kreise waren, wie faszinierend Virginia war – die „Ziege“ – trotz Wohlstand, Priviligiertheit! Wiesehr sie bei aller zeitweisen Schwermut ihren Mann und seine Unterstützung wertschätzen konnte! – Kurzes Unglück: ich realisiere, dass ich das Akademie-Konzert mit Joana Mallwitz versäumt habe. – „Im Wahn der anderen“ von Lásló Krasnahorkai begonnen und verworfen. – Michael packt. Ich werde für vier Tage Strohwitwe sein. Kaum ist er aus dem Haus – worauf ich mich gefreut habe – fange ich an herumzusandeln. Kaufe dann, was er nicht mag: Blumenkohl, Zucchini, Flammkuchen. – Mittwoch Herr Diemer. Abends mit Beate Bayrische Akademie der schönen Künste – Vortrag über Kafka mit dem Greis gewordenen, unvergleichlichen LiteraturNerd Dirk Heißerer (unser Jahrgang) – wieder Hinweis aus der Stadtbibliothek. Hinterher auf den Spuren der Boheme Café Luitpold – eine Stunde auf Bier gewartet – zwei Tische weiter Armin Nassehi. „Den kenn ich doch…??“ – Donnerstag….nichts aufgeschrieben, vergessen. Freitag: Nennt man das heute Me-Day? Beim Bettbeziehen Rücken verrissen. Mit IBU ein paar Schritte gelaufen, Lenbachhaus – Blauer Reiter – „eine neue Sprache“. So schön die Volkskunst! – viel von den Frauen. Nachmittags bei Sonnenschein „Sterben“. Heftiger als erwartet. Hautnah nicht nur, aber besonders Lars Eidinger und Corinna Harfouch. Leider auch hier Popkorngeruch und eine rücksichtslose Nachbarin. – Mit Günter – Veras Mann – Kontakt aufgenommen, um Rat für Fabian bzgl. Steiner-Lektüre einzuholen; (Birgitta hat nur Waldorfpädagogik). Hier die Verbindung zwischen Fabian und mir – immer Gesprächsstoff – auch wenn er letztlich alles für seine ideologischen Zwecke auslegt. Günter besucht mich nachher. – Literarisch lege ich ein peinliches Geständnis ab. Ich hatte kürzlich verschämt zu Schecks Literaturkanon gegriffen. Er gibt Überraschendes zum Besten, wenn auch allzu sprudelnd und selbstgewiss im Urteil. Bisher nur eine seiner abscheulichen Abwertungen: über Coelho – naja, wo er recht hat… etwas weniger brutal würde auch genügen.
Trotz aller Warnungen lasse ich oft meine Tasche am Grab, wenn ich gießen will. Ich habe ja alles „im Blick“. So hatte ich auch im Blick, als jemand auf unserem Feld davonsprang – ich hinterher, sofort gecheckt, Geldbörse weg, aus der Tasche geklaut – beinahe in greifbarer Nähe – geschrien „stehenbleiben“, „Hilfe, Hilfe“. Der Dieb hat dann tatsächlich auf seiner hakenschlagenden Flucht die offene Geldbörse ins hohe Gras geworfen und quasi beschwichtigend die Arme gehoben. Ein Müllmann ist ihm hinterher gehechtet, erfolglos. Geld ist weg – aber alles andere gottlob ist da. Alle möglichen Leute haben mir alle möglichen Schauergeschichten erzählt. Michael sagt, gestern wurde in Köln in den Nachrichten vom bandenmäßigen Diebstahl ungekannten Ausmaßes auf Münchner Friedhöfen berichtet! – auch Grabschmuck und alles aus Bronze. Ich bin merkwürdig erledigt jetzt – fühlt sich echt beschissen an.
„Sterben“ will ich mir auch noch anschauen, bevor ich nach Zypern aufbreche! Die Geschichte mit dem Dieb ist ja unglaublich, wenn auch sie auch (fast) gut ausgegangen ist. Am Friedhof!!!! ich bin vor vielen, mehr als zwanzig Jahren mal bestohlen worden (ein paar Jungs haben mich nach der Filmvorstellung abgelenkt , einer klaute die Brieftasche aus der Manteltasche. Das miese Gefühl hielt lange an.
So eine unverfrorene Frechheit, auf dem Friedhof den Geldbeutel zu stehlen. Ich wusste nicht, dass das scheinbar umgeht. Hoffentlich hattest du nicht gerade Geld vom Automaten geholt. Ärgerlich und verstörend, auch wenn nur das Geld weg ist. Zu deinen Lektüren kann ich nicht viel sagen, denn ich kenne sie nicht. Wenn Hubert nicht da ist, mache ich auch meistens andere Sachen zum Essen als mit ihm. Dann verfallen auch gleich die Tischmanieren, denn ich esse dann meist vor dem Fernseher. Der Montagschor scheint konstant gut zu sein, prima. Würdest du sagen, dass „Sterben“ ein guter Film ist?
Stimmt, nicht nur die Tischmanieren verfallen…auweia!! „Sterben“ ist auf alle Fälle gut, aber die Thematik viel schwerer und umfangreicher als von mir erwartet.
Vorschau und Interview mit Eidinger und Harfouch gesehen. Den Film will ich auch unbedingt sehen. Das deine Geldbörse vor deiner Nase geklaut wurde übertrifft alles. Wie dreist! Café Luitpold meide ich, seit wir wie du ewig auf unsere Bestellung warten mussten.