2024-06-01- Flaute nach 4321 – Lena Christ, Literatüren, „Brot und Leben“+ Kaffeeklatsch mit Beate fällt ins Wasser

Einmal wird Archie das Princeton-Stipendium entzogen, nachdem er in einer Schlägerei einem schwarzen Freund beisteht, in anderen Versionen läuft er 20-jährig in London in ein Auto, kommt als 13-Jähriger im Gewitter oder 24-jährig im Feuer um. In der letzten entwirft er, immer ein Schreibender, das Konstrukt für einen Roman, der 4321 heißen soll. Die Katastrophe des Vietnamkrieges und aller Unruhen, die die Geister (Amerikas und der Welt) scheiden, schwebt über allem. Aufs Datum genau deckt sich mein Lesetagebuch 2018 mit heute. Es war genauso Pfingsten, ging auf Fronleichnam zu, am 27.5. bin ich an derselben Stelle wie am 27.5.18. Fronleichnam 2018 hatte ich Emilians Familie im Taxisgarten bei sengender Hitze getroffen, von Benelisa ihre „blaue Frau“ bekommen, die die Hände vors Gesicht schlug, ihre Antwort auf Simons Tod. Diegleiche Frage wie immer: was ist biografisch, was fiktional? Benelisa hat eine trauernde Mutter gemalt. Sich? Mich? „Eine“ Mutter? Austers Archie ist laut Auster nicht Auster. Und doch deckt sich vieles mit dem, was die Welt über ihn weiß bis hin zur Schreibmaschine, die Auster lebenslang beibehalten hat, zur einen Seite/Tag, zum Geburtsjahr, zur Liebe zum Sport und zum Jüdischsein. Er nennt es das Buch seines Lebens. Jetzt kehre ich in die Welt zurück. Welche ist die „eigentliche“? Erwartungsgemäß und dennoch überraschend heftig tut sich eine gähnende Kluft auf. Flaute.

Montag wollte ich meine letzte Möglichkeit für „Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst“ nutzen. Ich hatte mich zeitlich vertan, konnte eine letzte Karte ergattern, musste dann Zeit vertreiben, speiste in der Cantina der Kammerspiele Roastbeef mit unbekömmlichen Röstkartoffeln. Begegnete einer Ex- Kindergartenmutter, die dort arbeitet; (von ihr, die in der Borstei eine Lesung gehalten hat und gerade wieder halten sollte, hatte letztes Jahr Gabriele gesprochen, ohne dass mir bewusst war, dass ich sie kenne). Das vielgerühmte Ein-Personenstück behandelt die Geschichte der Lena Christ. Die brutale Misshandlung, der Missbrauch der Arbeitskraft des Kindes durch die pervers sadistische Mutter, bekannt von den „Erinnerungen einer Überflüssigen“, verwob sich mit der Geschichte der Schauspielerin und Regisseurin Annette Paulmann. Eindrucksvoll gespielt, aber unerträglich, auch im Nachgang. – Am Dienstag 4. LiteraTüre bei Lioba unter den Augen ihrer Steiff-Schwäne; die Borstei wieder aus anderer Perspektive, wunderbares Licht, Blick auf Bäume und Brunnen – das gemeinsame Lesen eine Glückseligkeit meines jetzigen Lebens. Renate und ich sind Spitzenreiterinnen, was Präsenz betrifft. Beim Abschiedsratschen auf der Straße kam eine andere Borsteibekannte des Wegs – nichts wie weg, das wäre zuviel des Guten! Tags drauf ausführlich „protokolliert“; Vor- und Nachbereitung vermehren meine Freude. – Am MIttwoch unterwegs zur Arztpaxis bremste mein Rad ohne Zutun; wieder Zweirad-Pickl, bei dem ich erst im April 188 € gelassen habe, diesmal 29 €. – Donnerstag HospizSchreibGruppe bei Adam. Wolkenbruch. FRONLEICHNAM in „Brot und Leben“ umgetauft. Die Symbolik des „lebendigen Leibes“ widerstrebt mir seit jeher. Über-die-Stränge-Schlagen bei durchkomponierter kulinarischer Umrahmung durch vorheriges Hungern einkalkuliert. Frisch gebackenes Brot, zu BrotImpulsen unverzichtbar, wurde bewusst beigetragen. Diesmal mit Zeit für Gespräch – vorher und hinterher. – Dass wir für Berlin ein Hotel gebucht haben sorgt für angekratzte Stimmung, regelrechte Enttäuschung. Was ist das schon wieder für ein Krampf! Jakob und Anna wollen mich nicht allein, Michael aber fühlt sich wohler bei Rückzugsmöglichkeit. So einfach ist das oder könnte es sein. Bine und Anna schwer vereinbar – das kann was werden. – FREITAG frei.

Samstäglicher Kaffeeklatsch mit Beate – gute Gelegenheit zu backen, (bei Adam hatte ich mich mit Kuchen zurückgehalten, weil u.a. das Brot so grandios war) – fällt buchstäblich ins Wasser – vertagt auf Sonntag. Vielerorts Katastrophenfall. Laut Beate Teile des Rings gesperrt, es regnet rein (bei ihr, bei Michael), die Natur freut sich nicht, es ist zuviel.

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3 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Dass du nach der intensiven Lektüre von Auster erst mal in ein Loch fällst, ist mehr als verständlich, so wie du dort eingetaucht bist. Zum Glück hast du die Schreib- und Lesegruppen, die gleich wieder neuen Sinn geben. Leben Jakob und Anna jetzt richtig in Berlin oder nur zeitweise? Dass es in München so regnet, dass sogar der Ring gesperrt ist, hab ich noch nie erlebt. Das Wetter spielt verrückt.

  2. Renate sagt:

    Goethe folgt auf Auster. Deine Ausführungen zeigen wie sehr du auch in dieses Werk eintauchst. Bemerkenswert! Lena Christs Schicksal ist mir von einer Führung von Stattreisen bekannt. Eine furchtbar tragische Geschichte.

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