2024-10-12- Zurück aus dem Tessin – noch gerädert in Augsburg – leidige Mietersuche und ein leidender Michael

Noch habe ich meine Reise nicht genug verarbeitet, dass ich dazu schreiben könnte. Die Fotos haben sicher einen Teil gesagt. Fabian ganz in seinem Element, vollfreudig; meine Konstitution auf dem Berg, den glitschigen Steinen am Wasserfall, dem Anstieg, dem Abstieg bzw dem ständigen Wechsel – beschämend, Schneckentempo, überängstlich, schwerfällig – da wären ein paar Kilo weniger (und Yoga!) von unschätzbarem Vorteil. Dazu der große, kraftvolle Hund. Der kleine Junge kam erst am zweiten Tag, da hat ihn Fabian vom Kindergarten abgeholt. Ich mochte ihn sofort – wie er so drauflosredet, zwar erst skeptischer Blick, dann war das Eis gebrochen. Hund und Kind weichen Fabian nicht von der Seite! Fabian zeigt sich verantwortungsvoll. Das Kind wohnt derartig in seinem Körper, in der Natur, redet wie einer der Wasserfälle, die allüberall rauschen, spricht ausschließlich amerikanisches Englisch, (der Vater ist Amerikaner), Daniela, die erst am Freitag Abend kam, Schwizerdütsch, wir natürlich deutsch, im Kindergarten wird italienisch gesprochen, jeder redet dort alles bis hin zu Französisch. Also: Tiku reagiert auf alles, was man zu ihm sagt, Englisch. Abends fragte mich Fabian, ob ich wüsste, warum ich gekommen sei. Nein?! Er wollte sich bedanken. Für die sanfte Geburt und überhaupt für alles. Gottlob keine andere „freudige Botschaft“! Da die Unterkunft im Nachbarhaus seelenlos war wollte/durfte ich im Haus bleiben, in Fabians Bett schlafen, während er in den eiskalten Keller umgezogen ist. Insgesamt ein Marathon, wirklich weit, gigantisch die Natur und alles wunderbar, aber länger hätte ich es jetzt auch nicht ausgehalten. Der ein oder andere Freak ist vorbeigekommen, Typ „Indianer“, alles schöne Menschen, auch kultiviert, aber natürlich eine bestimmte Spezies. Brotbacken, Kochen, Pilze mörsern, Kartoffeln ernten… Ich habe viel über Berzona erfahren, Max Frisch dort, Hermann Hesse in der Nähe, am Haus von Golo Mann vorbei. Auch viele Künstler in der Gegend.

Wieder zu Hause hätte ich beinahe vergessen, dass ich am heutigen Sonntag Besichtigungstermine in Augsburg hatte. So hat sich Michael mit Schmerzmitteln eingedeckt und ist mitgekommen. [Er war inzwischen im orthopädischen Versorgungszentrum; fühlt sich dort gut aufgehoben (dritte Anlaufstelle). MRT – ein Nervenkanal? Jetzt Tilidin – ein Opioid. Leider steht er weiterhin senkrecht, morgen erneut Termin. Auch diese Diagnose scheint es nicht oder nur teilweise zu sein – Spritzen direkt zwischen die Wirbel haben auch noch keine Erleichterung gebracht. Ein Alptraum.] Meine Wohnung ist von der Mieterin nicht im besten Zustand hinterlassen worden – ich will es gar nicht näher ausführen. Der erste Bewerber mit seiner jungen, verhuschten Frau, die angeblich auf einen Studienplatz für Medizin wartet, hatte ein astreines Vorstellungsschreiben geschickt – er hatte viele kritische Fragen im Voraus gestellt. Jetzt hat er die Parkplatzsuche erlebt! Er braucht aber als Pendler einen sicheren Platz. – Das nächste Paar, zwei junge Araber, noch bei den Eltern wohnend  – sie mit strengem Kopftuch und bodenlang gekleidet, in Wesen sehr offen und freundlich – hätte ich sofort genommen. Aber der Mann Berufskraftfahrer – dasselbe Thema. Muslimisch, astreines Deutsch und liebenswerte Umgangsformen. – Das dritte ein Ehepaar aus Süditalien, von der Tochter begleitet, weil sie nach mutmaßlich Jahrzehnten keinen Satz sprechen können. Schon „nett“, aber…. Sie würden die Wohnung sofort nehmen, haben gar nicht richtig hingeschaut, fanden alles prima, aber ohje, wie sollen sie in die dünkelhafte Hausgemeinschaft passen? Sie haben keinen Schimmer von Denkmalschutz und wo sie da überhaupt sind – während der erste alles recherchiert hatte, vom Baujahr bis zur Substanz. Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll. Den Italienern könnte ich mit der Wohnung aus der Not helfen, aber ist damit geholfen, wenn die sozial keinen Fuß auf den Boden bekommen?

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6 Antworten

  1. Ines sagt:

    Fabian ist ein echter Aussteiger in einer grandiosen Natur und Verantwortung für Hund und Kind, das amerikanisch spricht. Klingt alles richtig abgefahren. Gleich fragt der Spießer in mir, wie er jetzt sein Geld verdient. Dass du kommen solltest, damit er sich für die sanfte Geburt bedanken kann, ist schwer zu glauben, das wäre in einem Brief einfacher gewesen. Jedenfalls finde ich es toll, dass du diese Strapaze auf dich genommen hast.
    Ich hoffe, Michael wird geholfen in dem orthopädischen Versorgungszentrum. Das hatte ich auch mal gegoogelt wegen meiner Hüfte. Vielleicht kommt es ihm da zugute, dass er privat versichert ist.
    Könnten die Syrer oder der Pendler sich nicht einen Stellplatz irgendwo mieten?

    • Heike sagt:

      Aus deinen Fragen oder Gedanken zu meiner Reise bzw zu Fabian sprechen Vernunft und Denkgewohnheiten einer gesicherten Existenz, die hier ins Leere laufen. Auch das Dorthinkommen war sicher wesentlicher Bestandteil von Fabians – wie sage ich? – magischem Denken.- Und ganz klar: Michael kommt überall dran und es wird auch allerhand versucht. Ich mache manchmal den Vergleich, wenn ich einen Termin für ihn ergattere, zu sehen, was passiert, wenn ich eingebe „gesetzlich“.

  2. Renate sagt:

    Mich erinnert das alles stark an ein Haus unserer alten Clique am Gardasee. Ich kann gut nachvollziehen dass es dir irgendwann genug war. Mir ist dieser Lebensstil total fremd. Fabian scheint für den Moment das Seine gefunden zu haben. Für dich ein Kontrastprogramm zu deinem Leben in München. Sind Parkplätze in Augsburg noch rarer als in München? Das eine Vermietung daran scheitert ist doch nicht zu fassen. Hoffentlich wird bei Michael bald die richtige Diagnose gestellt.

    • Heike sagt:

      Das sind zwei Berufsfahrer, die können nicht jeden Tag stundenlang suchen. Es ist krass, selbst mit diesem Bewohnerausweis – einfach nichts zu kriegen in dieser Ecke, was über ein paar Stunden hinausgeht. – Jetzt gerade sitzt Michael beim Neurologen – vom Orthopäden dorthin geschickt, gleich dann wieder dort. Wenn nichtmal Opiate wirken!!!

  3. Beate sagt:

    in gewissem Sinn ist Dein Besuch geprägt von dem Antagonismus Stadtmaus- Landmaus. Fabian geht in seinem Leben am Berg auf und hat seine Fans, wie den Jungen und den Hund , also ist er keiner Einsamkeit ausgeliefert, hat die Bestätigung , im richtigen Leben zu sein, gefunden . Klar musstest Du den Weg zu ihm antreten, seine Dankbarkeit konnte er Dir nur von Auge zu Auge kundtun, Das ist der Stoff für eine Erzählung. Mir fallt de auch Thomas Bernhard ein, der eine andere Art der kritischen Distanz zur bürgerlichen Lebensform wacker auszuleben wusste.

    • Heike sagt:

      Ja zu allem. Fabian ist nicht einsam. Daniela ist auch sehr wichtig für ihn, ich habe sie erstmals persönlich kennengelernt. Eine Schamanin, wunderschön. Sie nennt ihn ihren Bruder. Außerdem kommt der ein oder andere vorbei. Fabian hat nie Mangel an Freunden. Zwei Gleichgesinnte habe ich kennengelernt. Und ja, ich dachte auch an Thomas Bernhard und die alte Frau. So eine gibt es auch dort, sie sei 92 und geht den Weg, auf dem mich schier der Schlag getroffen hat, täglich. Auf dem Weg runter uns „Dorf“ winken und grüßen ihm alle zu, er ist ja auch sehr fröhlich und aufgeschlossen, auch herzlich. Und ja, ich musste antreten.

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