2024-10-20 – Schmerzleiden und Freuden: Brandauer, Berliner Thomas, Knickhalslaute und Birgitta
Dienstag. Momentan türmt sich alles wie ein Berg vor mir auf, und sei es nur ein Einkauf. Ich stehe vor der Augsburger Wohnung und alle Kräfte verlassen mich. Woher die Energie nehmen, wenn auch Michael außer Gefecht ist? Ich sehe, was zu tun ist, kann es selber nicht, frage mich wer das eigentlich bezahlen soll, wenn die Wohnung nichts abwirft, wenn ich es machen ließe? Auch zu Hause bringe ich nichts zustande – eine Depression? Seit Montag geht Michael zusätzlich in eine Radiologiepraxis, wohin auch sein Orthopäde kommt, um ihm unter CT direkt in den Wirbelkanal zu spritzen. Hoffentlich wird alles bald besser. Gerade kann ich meine rechte Hand nicht einsetzen. Seit Sonntag (Folge der Kletterwanderungen im Tessin mit Stöcken?) tut jede Bewegung mit dem Daumen weh, auch Druck auf den Ballen. Jeder fragt, hat gleich eine Diagnose; gestern bei Aetas hat Nga, eine besonders feinfühlige (ursprünglich vietnamesische) Schreiberin – am Ende einen ausgiebigen Segen über meine Hand gesprochen. (Jetzt, Sonntag Abend, realisiere ich, dass ich den Verband abnehmen kann). Selbst vor dem Schreiben habe ich mich gefürchtet, war uninspiriert – was sich gottlob gelegt hat. Eine Teilnehmerin war das ganze Jahr außer Gefecht gewesen – nicht mehr die alte – schwere Folge einer ärztlichen Maßnahme. Der Abend dann aber doch ein Lichtblick.
Mittwoch: die Behandlung hat Michael Erleichterung verschafft und wird fortgesetzt. Spritzen; zusätzlich Medikamente incl. Opioide. Da ich für Brandauer keinen Ersatz gefunden habe hat Michael es riskiert und durchgehalten. Selten haben so Viele den Saal verlassen. Sogar wurde zweimal jemand ohnmächtig durch die Reihen rausgeschleppt. M.E. kein Zufall. Die Textauswahl HEINE sehr ungünstig; nur ein einziges Gedicht, „die Grenadiere“; sonst nicht enden wollende Prosa, deren thematische Unterteilung allenfalls anhand des Programms erkennbar wurde. Beim Gehen trafen wir Nikolaus, der im Gegensatz zu mir (uns) total berührt war und „die Sprache“ lobte. Natürlich kann Heine schreiben! Selbst sein Pianist aber, der passend Schubert und Schumann dazu spielte – hing bei den quälend langen Textpassagen sichtlich in den Seilen. Alles andere als beseelt hat mich der Abend dennoch vorübergehend aus dem Jammertal gezogen, auch wenn ich hauptsächlich damit beschäftigt war zu hoffen, es möge bald vorbei sein. Brandauers wunderbare Möglichkeiten zu flüstern, zu kichern, lesend zu sinnieren kommen bei Texten dieser Länge weniger zur Geltung. Diese gehören in einen großväterlichen Ohrensessel am Kamin mit kleiner „Familie“ außenrum.
Donnerstag. Lesung von Gisela Holle bei Dasein. Erstaunlich gut bei Stimme. Heike B. sagte, „Schreiben hat sie bei dir gelernt!?“ Nein, sie konnte es schon. Im Gegenteil schreibt sie in Gruppe eher poetisch, träumerisch, surreal; dies hier waren ganz reale Geschichten. Sehr gesammelt gelesen – eine Kunst für sich, die nie genug beachtet und gewürdigt wird.
Sonntag. Jetzt liegenTage mit Michaels Freund Thomas hinter uns. Welch angenehmer Gast! Durch Michaels Immobililtät mussten Wanderungen der beiden ausfallen. Mit Doppelrationen an Medikamenten konnten wir gestern aber ein arabisch-bayrisches Konzert (in einem Pasinger …Clubkeller?) besuchen. Es spielte unsere Zugbekanntschaft, der junge, schöne Syrer auf der orientalischen Knickhalslaute (der 5000 Jahre alten Out) mit einem urbayrischen Bandoneon- bzw Drehleierspieler und einem Trommler. Michael musste nach der Pause gehen, alles wieder verschlechtert, Thomas und ich blieben und saßen danach noch bis nach Mitternacht in der Küche. Heute früh Abreise. – Den Nachmittag verbrachte ich bei Birgitta, die gekocht und gebacken hatte und mit der die vergangenen ca. zwei Monate „durchgearbeitet“ wurden. – Die letzten Tage haben uns gutgetan, auch wenn sie uns einiges abgefordert haben. Mit Thomas, der ja auch erst Mitte vierzig ist, kann ich stundenlang „meine“ Themen besprechen. Was für eine Kostbarkeit! Immer mehr weiß ich zu schätzen, dass unsere Kreise sich auch in Altersklassen erstrecken, denen wir selbst längst entwachsen sind. – Vorhin ausgiebiges Telefonat mit Jakob. – (Surrealismus – Antifaschismus vergessen, hole ich die Tage schriftlich nach!)
Wie die Knickhalslaute wohl klingen mag. Von so einem Instrument habe ich noch nie gehört, die Kombination der Instrumente sehr spannend. Bis Mitternacht in der Küche wichtige Themen besprechen ist etwas, das ich aus Studentenzeiten kenne, damals noch mit Zigaretten qualmen. Diese Injektionen in den Wirbelkanal hatte Hubert auch mal, das hat geholfen plus Personal Training und Manualtherapie. Hoffentlich wirds wieder gut, auch mit deiner Hand.
Ein Segen über dem Daumen, statt einer Spritze, ist allemal besser. Gruselig die Vorstellung von Spritzen in den Wirbelkanal. Das Konzert mit der Knickhalslaute gefiel mir sehr. Schöne Klänge gibt die Laute. Brandauer war doch beim letztenmal auch nicht so toll, wie mir, ich glaube Brigitte, damals gesagt hat,
Brandauer war beim vorletzten Mal so, dass ich es nicht mehr genau weiß, beim letzten Mal (Sommernachtstraum Isarphilharmonie) erst bedenklich, dann berührend und am Ende überwältigend – insofern, man weiß es nie und die Zeit ist begrenzt, diesen Eindruck erweckt er. Es kommt sehr auf den textlichen Inhalt an – Heines Lyrik wäre für mich wünschenswert gewesen. Die KANN Brandauer auch! Stundenlanges Vorlesen von Prosa in einem großen Saal, das geht so einfach nicht.
Waren wir nicht zusammen beim letzten Auftritt von Brandauer? ich habe ihn jedenfalls auch so in Erinnerung, wie Du ihn beschreibst!
Doch, waren wir – beim für mich jetzt vorletzten Mal!