2024-10-26 – Rückblick – Chorisches + Soziales + Kulturelles + Literarisches und Trauer um Monika

Montag. In mir klingen nach: Brandauer, Thomas, Knickhalslaute, zwei Stefans (!!!), Birgitta. Heute in aller Herrgottsfrühe Michael notfallmäßig zum Orthopäden, zermürbt von Schmerzen. 3. MRT. Jetzt Bandscheibenvorfall. – Chor: P-P-P. Ph-Ph-Ph. Ch-Ch-Ch.Ts-Ts-Ts, langgezogen, dann 2/4, 3/4, 4/4. Nicht aaa, sondern anhauchen (h)aaa. Nicht Kopf, Hals, Brust: eher die Gesichtsmitte, Nasenraum breit machen wie Weinen…wie Klagen…nicht verfrüht aufhören, Ton halten. – Draußen lüftet sich der graue Vorhang. Die Baumkronen hinter den Häusern leuchten in der Morgensonne grünrotgold auf. In Antifaschismus – Surrealismus – mein Augenmerk weniger auf Bildern, Fotos, Musik, als auf literarischen Exponaten. Marseille, wo Jakob gerade weilte, Ausgangspunkt für viele Künstler ins Exil, vom Sicherheitspersonal als Gesindel bezeichnet, auf einem Schiff: Anna Seghers, André Breton, Claude Levi-Strauß u.a..

Der nächste Schwung InteressentInnen meldet sich übers Wohnungsamt. Staffeltermine nächste Woche. Da kommt der Schlosser, da das Eingangsschloss beschädigt übergeben wurde.

Dienstag Martha im Tribeca, meinem verlängerten Wohnzimmer. Dann die Nachricht von Monikas Tod. Ich lese stundenlang unsere Whatsapps. Bei 200 höre ich auf zu zählen. Virtueller Intensivkontakt, zunehmend intim und vertraulich, in der Sprache unseres gemeinsamen Werdegangs und vieler Berührungspunkte voller Bekenntnisse. Sie hat immer wieder geschrieben, danke, dass du mich begleitest – schön, dass du mich mitträgst! Wir haben viele Bilder ausgetauscht bis hin zu unseren Kindheiten. Ab 1. Juli meist täglich mehrfach. Mittwoch letzter Woche schrieb sie, alles sei jetzt ganz schnell gegangen, sie sei seit heute im Hospiz. Bisher wisse es nichtmal ihre Familie, aber du sollst es wissen. Sie wollte sich orientieren, dann sollte ich kommen. Jede Viertelstunde käme jemand anders rein. Am nächsten Morgen schrieb sie, wie richtig, wie erleichtert sich das Aufwachen anfühlte. Sie sei in guten Händen. Jetzt lasse sie sogar Tavor zu. Dann wurde es still. Die letzte Nachricht von mir „Zieh aus mein Herz und suche Freud“ und sowas wie ein „innerer sicherer Ort“, unser „inneres Kaminzimmer“, das ich in Farbe und Material beschrieben hatte und das wir behausen wollten, nahm sie euphorisch auf. Gestern (Di.) schreibt Adrian, sie sei am Montag gestorben. Als ich alles nochmal lese sehe ich, dass jemand bei ihr online ist. Ich hoffe, ihre Tochter oder Schwester? Sie wissen um unsere „Parallelwelt“. Es war wie eine Freundschaft auf Zeit. Ein warmes, kluges Gegenüber im Angesicht des Sterbens. Kein Thema ungelegen oder tabu. Eine Reflexion aufs Leben – beiderseits. Sie wird mir fehlen. – Dann Whatsapp ihres Mannes.

Anderes tritt darüber in den Hintergrund. Beim Durchwühlen meiner Anzeigen von Geburten, Hochzeiten und Todesfällen finde ich ein Ultraschallbild „meiner“ Zwillinge, 1990. Ihr Ausscheiden, eine „missed abortion“, hat Platz für Jakob gemacht.

Mi. frei. Do. spätes, ausgedehntes Frühstück mit meiner Zimmergenossin aus der Taxisklinik. Abends Rosenstammtisch. Fr. Heike R. bei mir, Sa. Schreibgruppe bei Alexandra (Trost der Dinge II). Ich resümmiere: Alles, was mich interessiert und freut, klappt. Überproportional das soziale Leben gegenüber Pflichten, die mich lähmen, lust- und kraftlos machen.

Literarisch aus dem Tritt gekommen fasse ich wieder Fuß; zunächst streune ich lesend herum: Kulturzeit folgend Maria Messinas „Haus in der Gasse“; Nobelpreis: Han Kangs „Vegetarierin“. Wieder bin ich mit der Fachwelt nicht d’accord, aber ich erlege mir auf, etwas Welt einzulassen. Den aufrührerischen Verlierer des Deutschen Buchpreises bestellt, der durch seinen Wutausbruch Aufmerksamkeit erregt. Zudem Navalnys „Patriot“, obwohl ich mich frage, wie das gehen soll: Briefe und Tagebucheinträge? Wie soll das alles aus der Haft gelangt sein? Ist das glaubwürdig? Im Fall der Fälle jedenfalls Pflicht. Bis dahin vollende ich (erst sehr gern, dann immer mehr mit-leidend, ohne müde zu werden bis tief nachts) „Stoner“, bei „Books & Breakfast“ im Sommer kennengelernt.

 

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Von deinen Zwillingen höre ich zum ersten mal. Wie lange waren sie in deinem Bauch? Warst du traurig damals? Ich wollte dich auch schon fragen, was aus Monika geworden ist. Sehr berührend, was du über ihre letzten Tage und eure besondere Freundschaft schreibst. Und wie geht’s weiter mit Michael, der von Schmerz Geschundene? OP?

  2. Renate sagt:

    Monika, die Kollegin von Eva? Ihr hattet eine sehr innige, vertrauensvolle Beziehung, so dass nur du von ihrem Einzug in ein Hospiz wusstest. Jede Menge soziale Kontakte hattest du diese Woche und weniger angenehme Termine in Augsburg. Clemens Meyer’s „Projektoren“ lesen könnte ich nicht.
    Hoffentlich wird für Michael bald die richtige Diagnose und auch wirkungsvolle Therapie gefunden,

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