2024-11-30-Kafkas Prag – Chor + Konklave – Wilhelm Meisters Wirkungen auf mein soziales Leben – Jammertal + Wohnungsübergabe

Sonntag. Brummschädel. Verabredung mit Gregors Ex abgesagt.* Derzeit verlangt es mich zu rauchen – nach 23 Jahren! * Ich tauche ein in Stachs „Kafkas frühe Jahre“. Der Autor scheint in die eigene Fabulierkunst verliebt. Von manch einzigartiger Formulierung kann er sich nicht lösen und erörtert so dasselbe, stets gehaltvoll, in schillernden Variationen. Auch klingt die Konkurrenz zu anderen Biografen durch. Er nimmt deren Deutungen und Analysen aufs Korn, überführt sie der Unglaubwürdigkeit – natürlich, er weiß es besser! Sein zutiefst ergründetes Gebiet – eine Wucht! * Also essen, schlafen, lesen.

Montag. Wie immer nach meinem Chor voll Musik. So habe ich noch nie gesungen. Wir sind so Wenige und es klingt toll. Ich mag unsere „Lehrerin“, ihre Stimme, ihre Kompetenz, ihre Musikalität, ihr Lachen. – Blöderweise habe ich „Arianes Mandelsplitter“ (+ Cranberries) zubereitet – unverschämt gut – besser wäre, damit nicht erst anzufangen. – Abends Konklave, mit Michi. Filme gehen mir bekanntlich weniger unter die Haut. Unser gemeinsames Kriterium ist, ob uns der Film hinterher noch nachgeht. Das tut er. Michael wollte beinahe gehen, fühlte sich alarmiert, denn eine unheimliche Gestalt schlich dauernd raus und rein. Da ging im Film eine Bombe hoch. Entsprechend: Am Vortag hatte ich das ewige Schlechtreden einer Interviewten auf der Straße nachgeäfft. Michael assoziierte: „Von nun an ging’s bergab“. Da erklang als Tatortauftakt Hildegard Knef.

Sechs Wilhelminen haben gemeinsam gelesen – bei Beate. Welche Köstlichkeit, welche Verbindung – welcher LUXUS! Martha leider sehr krank. Die Kehrseite der Medaille: Langsam widersteht es mir, mich mit „irgendwem“ zu beliebigem Geratsche zu treffen, sodass ich mich bei fadenscheinigen Ausflüchten ertappe – ein Spagat zwischen „erlesenen“ Inhalten in Verbindung mit ausgesuchten Menschen und dem Anschluss an ehemalige professionelle Bindungen. Ich will diesen nicht verlieren, gleichzeitig fürchte ich das Blabla. Wäre das anders innerhalb meiner Profession? (Mit Beatrix beispielsweise sind das echte Gespräche, beinah wie die Resonanz zwischen Harfenspieler und Wilhelm). Kolleginnen von meinem Schlag gab es im Hospiz nicht, nur sporadisch bei Konferenzen innerhalb der „psychosozialen“ Berufsgruppe; zunehmend dabei aber auch ehemalige Krankenschwestern, die ein SozPädStudium draufgesattelt hatten. Aber „wir Echten“ hatten unsere Vorbehalte, haben die „Falschen“ an der Nasenspitze erkannt, selbst wenn sie ihren Ursprungsberuf konsequent verleugneten. Nichts gegen Krankenschwestern. Aber sie denken anders. WISSEN ALLES. SIND anders.

Mittwoch lesenlesenlesen. Danach muss ich nach Prag, diesmal mit offenen Augen! Oder besser auf Papier, wo die Füße nicht wehtun?

Donnerstag mit Renate telefoniert; direkt danach oder davor (?), jedenfalls im Zusammenhang, zwei Dates der o.g. Art abgesagt (und ein neues miteinander ausgemacht). Jetzt kocht Hühnersuppe. Michael kam vom Zahnarzt, vier Stunden Behandlung. Sah aus wie Eva Mattes bei „Deutschland, bleiche Mutter“ mit Schal um den Kopf nach Ziehung sämtlicher Zähne. Oder wie Schlaganfallpatienten. Armer Michi! Dabei versucht er gerade, Tilidin auszuschleichen – es stellen sich Abhängigkeitsphänomene ein. Bei mir hören die Bauchprobleme nicht auf, eine Qual, und ich liege viel mit Kirschkernkissen. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Es ist ja „nichts“.

Freitag zur Stadtbücherei, um meine Anmeldung zur Oper „Königskinder“ durch Zahlung zu bestätigen; danach wieder Auto holen bei Beate; mit Michi zu Hamberger; viel Geld ausgegeben, aber erfolgreich – zwei Dinge bekommen, die es sonst nirgends genauso gibt. Danach erledigt, aber zufrieden. – Mein Chaos am Schopf zu packen, das verschiebe ich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche.

Samstag. Jubel! Letzter Auftritt Augsburg. Nochmal geputzt, u.a. die Pisspfützen der Elektriker, Zählerstände, Übergabeprotokoll – Schlüsselübergabe. Danach wollte ich mit Michi in der Schweige feiern. Diszipliniert sitzen ist für uns beide gerade schwierig. Also bald heim, abladen, weiter zu Beate zum Tee (Sessel) und Autoabliefern. Dann Marthas Bachkantaten. Blass, gleichzeitig ernst und innerlich lächelnd in der vollen Kirche, in Schwarz mit Perlenkette, musikalische Körpersprache. Ich war so angerührt!! Das Singen tut ihr gut, sagt sie, obwohl sie glaubte, gleich umzufallen. – Ich erwäge, das morgige Krippenspiel mit Kinderchor auszulassen – abends Christkönig, zuviel!

 

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2 Kommentare

  1. Ines sagt:

    Die kranke und blasse Martha kommt zweimal in deinem Beitrag vor. Ich frage mich, ob ich sie kenne. Woran leidet sie? Von Treffen mit Freunden, mit denen keine gehaltvollen Gespräche aufkommen, kann ich ja ein Liedchen singen. Ich denke aber oft, dass ich selber was dafür tun muss, dass das Gespräch eine Tiefe bekommt, nur gelingt es mir oft nicht. Das Medikament Tilidin musste ich googlen, sicher nicht leicht, davon wieder zu lassen. Und deine Bauchprobleme sind ja echt Mist. Willst du nicht mal einen Versuch bei einer Heilpraktikerin machen, wenn die Schulmedizin die nicht weiter helfen kann? Und schließlich Glückwunsch zur Wohnungsübergabe, hoffentlich hast du jetzt erst mal Ruhe.

    • Heike sagt:

      Martha kennst du nicht, aber die beiden anderen – vom Lesen. Sie schreibt bei mir und liest mit uns. Sie hat eine unheilbare Bluterkrankung, an der sie Anfang des Jahres beinahe gestorben wäre, und es ist sehr ernst. – Dass keine gehaltvollen Gespräche aufkommen kann m.E. an den Konstallationen liegen und ich tue alles dafür, dass Substanz nach meinem Geschmack entstehen kann, was i.d. Regel gelingt. Das „Blabla“ betrifft die zwanglosen Zusammenkünfte – locker übern Hocker. Sie meinen einen nicht persönlich und sonst betreffen sie auch eher Allgemeines. Ich kann mich bald nicht mehr zu sowas überwinden, – Tilidin ist ein Opioid. – Heipraktikerin – ich weiß nicht. Es ist sehr konkret und ehrlich gesagt kann es nicht sein, dass da NICHTS ist, es ist nicht einfach ein leises Missempfinden. Eine Heilpraktikerin würde erstmal meine Ernährung umstellen. Das wäre richtig – aber mit mir nicht machbar.

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