Weihnachtsfasten

Der Zug nach Frankfurt…war voll! ging pünktlich! ..alles gut! ich hatte drei Ausgaben vom Spiegel dabei, las einen einzigen Beitrag, schaute viel aus dem Fenster oder in mein Handy. Am Bahnsteig in Frankfurt stand Alina und wir fuhren mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ihre Wohnung. Zuvor war ich immer mit dem Auto dort gewesen, doch was ich in den U-Bahnhöfen sah und riechen musste, hat alles übertroffen was ich aus Berlin kannte. In der Innenstadt Kotreste, Erbrochenes (eine Gruppe von kleinen Kindern hielt sich die Nase zu, flüchtete vor dem Gestank wie wir auch in einen anderen Teil des Bahnsteigs) und dann die vielen Obdachlosen und die vielen Bettler. Es war ein diametral schlechter Eindruck im Gegensatz zu meinen Gängen in den Jahren zuvor wie etwa zur Paulskirche, zu den schönen Locations nach der Hochzeit, zu den tollen Ausstellungen in den Museen – dem „coolen Frankfurt, über das ich öfter schon geschwärmt hatte.
Am nächsten Tag holte ich Alina von der Arbeit ab, sie jobbt in einem Fitnesscenter in einem großen Einkaufszentrum (da war es wieder, das schicke Frankfurt..mit futuristischem Eindruck, gegenüber dem Messegebäude). Den Nachmittag verbrachten wir in einem anderen Fitnesscenter, in dem Alina Kundin ist. Ein perfektes Ambiente, weisse Geräte, alles blitzblank und auf dem neuesten Stand, ein Tempel für Mobilität und Wellness mit schönen durchtrainierten Menschen. Und ICH nun mittendrin! Alina vermittelte mir, wie unglaublich aufgehoben man sich mit einem Personal Trainer fühlen kann. Zwei Stunden , immer wieder Anleitung, Beobachtung, ob ich alles richtig mache, usw…sie machte es richtig toll!
Genung davon- der nächste Tag war der 24. wir schliefen aus, profitierten von der guten Laune vom Vortag und bereiteten das Gansessen vor. In Alinas Wohnung war es furchtbar ungemütlich kalt. Sie war fast gleichzeitig mit mir aus Amsterdam gekommen, die Heizkörper waren kalt gewesen und die Wohnung ein einziger Eiskeller. Es wurde nur sehr langsam wärmer, weil gerade das Wohnzimmer sehr hohe Wände hat und riesengroß ist. Hinzu kommt die Trostlosigkeit, die der Auszug von Simon hinterlassen hat. Weihnachtsfasten? Das Ambiente war ganz und gar nicht heimelig, da reisst auch ein Gansessen im Kerzenschein nichts raus. Aber es war Friedlich zwischen uns, wir vermieden es, über die FDP und überhaupt über Politik zu reden und wir waren beide froh über die Insel des Frieden-geschlossen-haben am Ende eines Jahres voller Zoff.
In den Tagen nach meiner Rückkehr nach München hatte ich einen erbaulichen Abend im HP8 (da wurde der Film „Tatsächlich..Liebe gespielt und mit Livemusik begleitet) und einen sehr mittelmäßigen Musical „Genuss“ von Oliver Twist. Da hatte ich mir sehr viel mehr erwartet, ich kannte die Verfilmung von Roman Polanski, aber das, was im Deutschen Theater geboten wurde, fiel weit ab von den Musicals, die ich in London gesehen hatte.Auch hier zwar Weihnachts-Events, die aber Weihnachtsfesten verlängern. Fasten im Sinne von Entbehren, heisst bei mir Sehnsucht nach dem, was ich jahrelang selbstverständlich hatte, erst bei meinen Eltern, wo mit Kripperl, Tannenbaum, Klavierspiel und Kirchgang iim Kloster Benediktbeuern und später zuhause mit meinen Töchtern, Familie gefühlt wurde und der besondere Tag geehrt wurde. Jetzt sind die Eltern unter der Erde und meine Töchter reden nicht miteinander. Jetzt ist an diesem Fest Entbehrung angesagt, jetzt gibt es keine Familie mehr, die sich selbstverständlich unterm Baum, am Tisch zusammenfindet. Jetzt ist Weihnachtsfesten angesagt.

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3 Antworten

  1. Renate sagt:

    Wie ätzend dein Ankommen in Frankfurt. So ging es mir in Hamburg. Alkis und Junkies überall. Gegenprogramm, das stylische Fitnessstudio, mit Personal Trainer. Wie Weihnachten feiern? wenn sich alles verändert hat.

  2. Heike sagt:

    Interessant ist deine Sicht auf Weihnachtsfasten – ja, das kann es auch sein, obwohl ich bei Fasten eher an freiwilligen Entzug denke. (Insofern habe also auch ich gefastet). Auch wenn ich mich als Freundin eher an deinem „Glück“ freuen und dieses lesend teilen sollte – mich machen schonungslos ehrliche und wahrhaftige Zeilen eher munter – damit kann ich mich identifizieren. Ich teile gerne auch Leid. In diesem Sinne: Lasst uns froh und munter sein…

  3. Ines sagt:

    Ein bisschen was vom früheren Weihnachten habt ihr mitgenommen: gemeinsam Gans zubereiten und essen, friedliche Stimmung und Kerzenschein. So schön wie in der Erinnerung ist Weihnachten eigentlich nie.

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